Gerri Halliwell?
Spica Adventure
Manchmal kommen sie wieder, oder so – und nein, das ist jetzt keine schöngeistig-schwurbelige Methapher auf die Rückkehr unserer geliebten Video Games. Die erwähnen wir eh oft genug. Sagt bescheid wenn's anfängt zu nerven.
Die Rede ist natürlich von "Spica Adventure", einem Spiel wie es ungewöhnlicher kaum sein kann. Wir befinden uns im Jahre des Herrn 2005. Die japanische Spielhalle ist tot – jedenfalls fast. Als eines der letzten Gallischen Dörfer fungiert Traditionshersteller Taito mit ihrem Type-X-System. Ein damals hochmodernes Arcade-Board, das den damals populären VGA-Standard nutzt, ein Zwischenschritt zwischen Oldschool-Fernseh-Auflösung und HD. Das System besteht aus PC-Komponenten, die in ein stabiles Metallgehäuse gestopft wurden. Spiele kommen auf Festplatten, die ins Gehäuse eingelassen werden. Ein USB-Dongle dient als Kopierschutz, damit keine gierigen Chinesen die Festplatten kopieren konnten – klingt rassistisch aber Arcade-Bootlegs kamen damals zur überwältigenden Mehrheit aus China. Es existierte damals eine professionelle und gut organisierte Raubkopierer-Szene. Neo-Geo-Sammler kennen den Schmerz.
Hier erscheinen, neben späten Spielhallen-Perlen wie "Raiden III/IV", dem unterschätzten "Homura" und der Arcade-Version von meinem aktuellen Baller-Liebling "Trouble Witches Final!" auch das hier besprochene "Spica Adventure". Die Titelheldin Spica, eine kleine Mary Poppins, springt hier in Seiten-Ansicht durch bonbonbunte Hüpfspiel-Welten. Die Optik ist dabei pastellig und, nunja, klotzig. Viele Strukturen bestehen aus Würfeln, die an "Mr. Driller" oder, ganz klassisch, "Tetris" erinnern. Ähnlich Bonbonsüß ist die Musik, die sich lieblich-düdelnd an die bunten Farben anschließt, ohne lange im Gedächtnis zu bleiben.
Spica kann springen und mit ihrem Regenschirm hauen – ja richtig, wir haben hier einen klassischen Zweiknopf-Plattformer wie aus der NES-Hochzeit, der es über den 2000er-Arcade-Umweg auf aktuelle Systeme geschafft hat. Bei näherer Betrachtung erschließen sich zudem allerlei Feinheiten. Spica kann ihren Schirm aufspannen und in Aufwinden gleiten. Im Wasser wird der Schirm zum praktischen Boot. Wird der Schlag-Knopf im Stand gedrückt gehalten, wird der aufgespannte Schirm zum Schild und wehrt feindliche Projektile ab Auch bei "Duck Tales" auf dem NES hat Spica gelernt. Der Schirm taugt als Pogo-Stock wenn Spica Gegnern auf die Rübe springt und wird zum Golfschläger, wenn sie sich duckt. Weggeschleiderte Gegner können krasse Combos auslösen, die den ganzen Bildschirm in flammen setzen. Steckt sie den Schirm in Wämde, kann sie sich in neue Höhen kataputieren.
Das Leveldesign unterstützt diese Beweglichkeit. Überall gibt es versteckte Boni hinter brüchigen Wänden oder in schwer erreichbaren Höhen. Wer Spicas Bewegungen beherrscht, der kann sich viele Schätze abseits des Weges sichern.
Ganz Fehlerfrei ist die Hopserei allerdings nicht. Feindliche Geschosse sind im bunten Gewusel oft schwer zu erkennen. Bosse sind meist winzigklein und nicht besonders beeintruckend. Auch sind die Levels innerhalb ihres selbstgewählten Rahmens zwar kreativ aber nie außergewöhnlich. Nach einiger Zeit stellt sich ein freundliches Plätschern ein. Auch hatte ich ein Gefühl, dass sich bei mir oft bei den Euro-Platformern der 90er einstellt: Mir fehlt die Offenheit. Ich fühle mich in den Level-Korsetts oft eingesperrt, mir fehlt der offene "Sonic"-Himmel, das Gefühl echter Freiheit.
-mn
"Spica Adventure" ist ein kleiner Retro-Schatz, eine Hidden Gem im besten Sinne. Dabei müssen diese Gems nicht zwingend überwältigend gut sein, sonst wären sie ja nicht hidden. Wir sind jedenfalls dankbar dafür, dass Publisher Innin Games immer so krauses Zeug ausgräbt. auch wenn es nicht ganz ideal ist, bietet "Spica Adventure" doch eine angenehme Auszeit vom Alltag. Gerade für erfahrene Gamer ist es nochmal mehr eine Auszeit vom Unreal-AAA-Slop.
-mn
Genre: Jump 'n Run
Developer: Taito
Publisher: ININ Games
Schwierigkeitsgrad: Arcade-typisch immer etwas zu hoch
UPE: Wird hier nachgereicht € (digital only)
Spielzeit: 15-20 Minuten. Es gibt aber branching paths
USK: ?
Muster von: PR Hound. Derek we love you!
Grafik:
Spaß:
