Sammelwut mit buntem Zuckerguss
Dragon Sword: Awakening
Totgesagte leben länger. Zumindest könnte das die Devise für “Dragon Sword: Awakening“ sein. Der Titel hat einen holprigen Weg hinter sich, um von uns gespielt werden zu können. Zuvor ist das Spiel schon als Live-Service-Gacha-MMO unter dem Namen “Dragon Sword“ veröffentlicht worden. Der ausbleibende Erfolg des Online-Glücksspiels hat recht bald nach seinem Erscheinen für die Abschaltung der Geldfalle gesorgt. Entwickler Hound 13 dachte nicht daran, seine Schöpfung zu Grabe zu tragen und baute das Spiel zu einem Singleplayer-Grindfest ohne die fiesen Bezahlaspekte um. Dem früheren Publisher hat die Idee gar nicht geschmeckt, weswegen daraus ein Rechtsstreit entstanden ist. Den hat Hound 13 für sich entschieden und Präsentiert und nun die gleiche Idee, nur ohne die dauerhafte Fessel des Geldes, die euren Spielfortschritt behindert. Ob sich am Ende der Kampf vor Gericht für uns gelohnt hat, klären wir hier zusammen.
Habt ihr “Genshin Impact“ gespielt, dann habt ihr quasi “Dragon Sword: Awakening“ gespielt. Die, ich nenne es mal Inspiration, ist hier kaum zu übersehen. Viele Dinge in der Art des Ablaufs, das Quest-System und sogar die Optik des Spiels zeigen hier sehr ähnliche Merkmale. Aber bevor ich vorgreife, erst mal von Anfang an: Was hat das Anime-Geschnetzel zu bieten.
Der junge Kampfmagier Lute wird während der Suche nach seinem Opa als Schiffbrüchiger an den Strand des Landes Orbis angespült. Nach kurzer Orientierung trifft unser Protag auch schon auf die in Not geratene Elfe Castella, welche von Goblins umzingelt um Hilfe ruft. Schnell das Schwert geschwungen und den Zauberstab gezückt, schon ist die Situation entschärft. Lute besitzt die seltene Gabe der Heilmagie und heilt promt den verletzten Knöchel der angeschlagenen Kriegerin. Schon steht das schurkische Schlitzohr Johnny auf der Matte. Er entpuppt sich als der Anführer einer kleinen Söldnergruppe und beschließt kurzerhand, dass wir Teil seiner Truppe werden. Lol, ein neues Asia-RPG, ein neuer Söldnertrupp. Die Idee sehe ich in den letzter Zeit nicht zum ersten Mal. Wie auch immer, Johnny träumt davon ein berühmter Söldner zu werden. Im Gegenzug für unsere Hilfe mit Kampf und Magie, führt er uns durch das fremde Land. Zunächst wirkt der Anführer wie ein laberndes Großmaul, schnell zeigt sich aber, das er das Herz am rechten Fleck hat und nicht zögert für andere in den Kampf zu ziehen. Generell sind die einzelnen Charaktere sehr sympathisch geschrieben und viel Humor begleitet uns durch die Story des Abenteuers. Die Geschichte braucht anfangs eine Weile bis sie in Fahrt kommt und erreicht auch keine wirkliche Tiefe. Aber als gemütliche Unterhaltung nach einem anstrengenden Tag ist sowas zwischendurch auch ganz in Ordnung.
Damit Johnny und Co. zu Sölder-Ruhm kommen, müsst ihr viele … ich meine wirklich viele Quests erledigen. Und zwar ohne Ende. Ähnlich wie bei Granblue Fantasy Relink könnt ihr Story-Aufgaben annehmen, um die Handlung voranzutreiben, oder ihr stürzt euch in das Getümmel der Nebentätigkeiten, um eure Loot-Speicher zu füllen. Das haben wir schon das Zauberwort der bunten Schnetzel-Orgie beim Namen genannt. Sammelt alles ein was ihr finden könnt. Es gibt hier eine Unmenge an Ressourcen, die eure Truppe braucht, um stärker zu werden. Schmieden, Kochen, Alchemie, Skills, Level-Ups… für alles braucht ihr irgendetwas. Deshalb stürzt sich eure Helden auf alles was glitzert und blinkt, damit die Grenzen der eigenen Fähigkeiten überwunden werden können. Hier haben wir auch schon den ersten Knackpunkt für mich im Spiel-System von “DS: Awakening“. Fast alle Fähigkeiten, Skills und Ausrüstungen müsst ihr separat leveln. Dazwischen stoßt ihr immer wieder an Punkte, die mit seltenen Materialien erst freigeschaltet werden können. Seid ihr an so einem Punkt angelangt, können eure Söldner erst wieder Erfahrungspunkte sammeln, wenn das “Schloss“ für die nächste Ebene freigeschaltet ist. Hier merkt man dem Spiel seine Gatcha-MMO-Wurzeln eindeutig an. Solche Systeme ziehen den Grind in die Länge und sind dann oft durch Bezahlschranken zu umgehen. Hier bezahlen wir allerdings nur mit unserer Zeit. Der Spielfluss wird durch solche Mechaniken unnötig ausgebremst. Das Ganze hat dann den Anschein, viel Content inne zu haben, um ein kurzes Spiel zu strecken. Die Geschichte des Spiels habe ich nach gut zehn Stunden erreicht. Allerdings bin ich straight zum Ziel gerannt, da ich weiß, dass es bei solchen Spielen klüger ist, die Geschichte zu beenden, damit sich alle Funktionen für Neben-Quests öffnen.
Um die ganze Quests zu erfüllen, stehen euch im Laufe der Handlung 19 verschiedene Team-Kameraden zur Auswahl. Eine bunte Mischung aus Nah- und Fernkämpfern und einige zauberaffine Mitstreiter stehen auch bereit. Das Kampfsystem ist im ersten Moment sehr schnell und Actiongeladen. Ihr zieht immer mit einem Dreier-Team durch die Gegend und schlitzt, schlagt, schießt und zaubert alles in Grund und Boden, was nach Erfahrungpunkten oder Loot aussieht. Während eurer Angriffe gibt es immer wieder die Möglichkeit sogenannte Link-Fähigkeiten zu nutzen. Nein, es folgt jetzt kein dummer Zelda-Witz … (kicher). Sind eure Link-Moves aktiv, lasst ihr per Tastendruck eure anderen Team-Mates mit wuchtigen Angriffen auf die Gegnerhorden los. Je nach Zusammenstellung ergeben sich dadurch andere Vorteile, aber auch Nachteile. Habt ihr nur haudegen im der Party, dann wird Heilung auf Dauer ziemlich kostspielig. Auch auf Elemente und Schwächen der Feinde muss geachtet werden. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ist das eher kein Problem. Doch solltet ihr auf höheren Stufen definitiv verstanden haben, dass Feuer gegen Eis gut ist und Licht gegen Dunkel. Sonst macht euch die Mathematik im Hintergrund des Systems ganz schnell platt. Auf den ersten Blick ist das alles ziemlich cool und es macht Spaß, die verschiedenen Figuren zu kombinieren. Das Kampfsystem selbst nutzt sich leider recht schnell ab. Ihr habt eine Angriffstaste, eine zum Ausweichen, Hüpfen dürft ihr auch und zusätzlich stehen euch noch pro Charakter zwei Slots für Spezialangriffe zur Auswahl: Das ist nicht gerade viel für eine Spiel, das auch nicht wirklich durch abwechslungsreiche Abläufe in seiner Quest-Struktur glänzt.
Raids, Dungeon-Runs, holt mir dies, bringt mir jenes, ist auch hier an der Tagesordnung. Zig NPCs und Auftraggeber haben Arbeit für euch. Die vielen Aufgaben führen unsere Helden in die weitläufige Open World von “DS: Awakening“. Und die kann sich sehen lassen. Schöne satte Farben, feine Lichtstimmung und liebevoll gestaltete Details überall. Auch hier merkt man dem Titel deutlich die MMO-Herkunft an. Die Spieler sollen ja was zu entdecken haben und, oh Boi, hier gibt’s Zeug ohne Ende. Überall sind Truhen und Geheimnisse versteckt. Ob vom obligatorischen “hinter dem Wasserfall‘ bis hin zu versteckten Höhlen, mit Spezial-Bossen darin für besonderen Loot, ist alles mit dabei. Um die sehr große Karte zu bereisen, steht euch ein Reittier zur Verfügung. Das Aussehen dafür reicht vom knuffigem Käfer bis zum finsterem Schattenwolf. Euer Transport-Tier ergänzt auch gleich wichtige Fähigkeiten für euch. Klettern, schnell Schwimmen und gleiten im Zelda-Style werden den Protagonisten nur durch die tierischen Begleiter möglich. Natürlich hat auch hier der Gott der Inspiration zugeschlagen und alle Aktionen dieser Art verbrauchen Ausdauer, die von euch im Auge behalten werden muss. Reisepunkte gibt es in Form von großen mystischem Windrädern. Damit diesen nutzen könnt, müssen oft kleine Rätsel oder Aufgaben erledigt werden. Findet das verschollene Zahnrad, benutzt einen Char mit Flammenangriff, um das Bauwerk von gigantischen Spinnweben zu befreien usw. Außerdem gibt es überall Statuen von Organa. Hier sammelt ihr die verstreuten Teile ein, setzt die Götze wieder zusammen … schon habt ihr einen Wiederbelebungspunkt für eure Truppe erzeugt. In der weitläufigen Welt von Orbis finden sich zudem überall kleine Beschäftigungstherapien verteilt. Aktiviert drei Hebel, schiebt Säulen auf Schalter und besiegt überall kleine Feindes-Nester, damit sich euer Beute-Konto füllt. Nichts davon ist anspruchsvoll, aber nerven tut es auch nicht, da die einzelnen Tasks nur wenige Minuten zur Bewältigung von euch verlangen. Oft ist nützlicher Kram in den Kisten, den ihr dringend zum stärker werden braucht.
Was niemand braucht, ist ein übermäßig starkes Rechensystem, um “Dragon Sword: Awakening" zu spielen. Mein PC ist eigentlich total untermotorisiert, aber solche Spiele waren mal dafür ausgelegt, möglichst viele Spieler zu erreichen. Deshalb läuft das Ding quasi auf jedem Toaster. Mit meiner GTX 1650 und meiner 2,9 GHz-CPU (ja, auch Toaster) habe ich auf mittleren Einstellungen saubere 30 Frames bekommen. Mit Settings auf Minimum, habe ich sogar 60 Bilder aus meiner alten Zitrone gequetscht. Mit diesem Test wollte ich auch beweisen, dass man nicht immer Highend-Technik braucht, damit aktuelle Spiele halbwegs vernünftig gespielt werden können. Natürlich läuft das Spiel auf stärkeren System sehr rund und über genug Frames müsst ihr euch da weniger Gedanken machen. Fast hätte ich es vergessen… ihr dürft natürlich auch zu zweit oder zu dritt in das Aufgabengewitter starten. Für drei Spieler gibt es bestimmte Raids, die ihr später im Spiel freischaltet. Da das Grundprinziep für Mehrspieler ausgelegt ist, macht das Looten zu mehrt auch Laune. So ganz ohne Mikrotransaktionen kommt “DS:A“ dann doch nicht aus. Im Shop kann rein kosmetischer Kram gekauft werden. Ob sich das wirklich lohnt, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden.
Zum Schluss noch ein paar Worte zur Präsentation. Cozy AF würde ich es beschreiben. Das sympathische Charakter-Desing, gepaart mit der zuckersüßen Optik von “DS:A“ lässt mich gerne Zeit in der Welt verbringen. Verschiedene Biome und Dungeons mit stimmungsvoller Musikuntermalung lassen mit entspannt in den Bildschirm starren und fesseln mich dadurch etwas mehr ans Spiel, als es das komplette Gerüst eigentlich hergibt.
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Developer: Hound 13
Publisher: Hound 13
UPE: 29,99 €
Testmuster: Hound 13, Steamkey
Schwierigkeit: einstellbar
USK: 6
Spielzeit: Hauptspiel ca. 15 Stunden, Endgame ca. 45 Stunden
“Dragon Sword: Awakening“ versteckt nicht eine Sekunde seine Inspirationsquellen. Der Mix aus Erkundung, Hardcore-Grind und vielen spielbaren Figuren hat ja auch schon in anderen Konzepten gut funktioniert. Mir gefällt die märchenhafte Grundstimmung des Spiels und der Humor, den die Charaktere mitbringen. Das alles ist am Ende auch nur der Zuckerguss für ein Grindfest mit vielen aufgezwungenen Systemen. Versteht mich nicht falsch, mir gefällt sowas gut. Abends einfach mal stupide ein paar Dungeons laufen, bevor der stressige Tag zu Ende geht. Nachdem ihr die relativ kurze Geschichte erlebt habt, bleibt auch nicht viel mehr als Quests, Quests, Quests. Da das Spiel jedoch auf fast jedem Toaster läuft und mit seinem überschaubaren Preis recht viel Content mitbringt, ist der Ausflug ins Bunte definitiv kein Fehler für Leute mit Hang zur übermäßigen Sammelwut.
-tl
