Die Eierlegende Wollmilchsau
Granblue Fantasy: Relink - Endless Ragnarok
Schwebende Inseln, lauschige Dörfer und satte Farben — hach, wie habe ich es vermisst! “Granblue Fantasy Relink” triggert meine Urinstinkte als Videospieler und Fantasy-Fan. Wohlige Heimatgefühle steigen in mir auf, erinnern mich an all die Stunden, die ich in den grünen Wäldern von “Secret of Mana” oder dem Auenland verbracht habe, bevor Peter Jackson es dark und gritty machte.
Dark und gritty ist immer noch ein Trend in Videospielen. Bei einem “Dark Souls”, “Elden Ring” oder “Lords of the Fallen” mag es auch passen — aber müssen wir das immer ertragen? “Visions of Mana” schuf vor zwei Jahren einen schönen, farbigen Kontrast. “Granblue Fantasy” ist sogar noch älter, lief bei vielen aber unter dem Radar. Dies sicherlich deshalb, weil es ein Mobile Game ist. Auch war 2014 der Handy-Markt noch nicht so stark vertreten. Bei uns im Westen hinterließ es keinerlei Eindruck, im Ursprungsland Japan aber schon. Dort schlug es so sehr ein, dass 2020 das erste von zwei Fighting Games namens “Granblue Fantasy Versus” erschien — entwickelt von niemand geringerem als Arc System Works, den Machern des mächtigen “Guilty Gear”.
“Granblue Fantasy Relink” erschien im Februar 2024 für PC und Konsolen. Gerade steht die Erweiterung “Endless Ragnarok” in den Release-Startlöchern. Höchste Zeit also, uns das Franchise anzuschauen, das wir bis dahin übersehen haben. Auf geht’s!
Wir sind in einer Welt der fliegenden Inseln, ähnlich “Skies of Arcadia”. Technisch ist sie etwa auf dem Stand des 17. Jahrhunderts, aber es gibt auch Magie. Die Himmel werden mit rauschenden Segelschiffen befahren, Schwerter und Ritterrüstungen sind Alltag, ebenso Musketen. Die Handlung des ersten Teils erzählt vom jungen Krieger Gran, dem eines Tages die geheimnisvolle Lyra vor die Füße fällt, ein blasses, elfengleiches Geschöpf mit gewaltigen magischen Fähigkeiten und einem ebenso großen Vorrat an Geheimnissen. Gran fühlt sich sogleich zum Samariter berufen und handelt sich dadurch Ärger mit dem örtlichen Imperium ein. Ja, auch das kennen wir aus “Skies of Arcadia”, der Serie Firefly und noch einer Million anderer Produktionen.
In “Relink” wird diese Geschichte fortgesetzt — aber ohne Held Gran. Stattdessen habt ihr die Wahl zwischen einer männlichen und einer weiblichen Figur, der ihr einen Namen geben könnt. Die Figur wird in der Sprachausgabe (englisch und japanisch) dann als “Captain” angesprochen. Hier hätte ich mir einen kompletten Editor zum Erstellen einer eigenen Figur gewünscht, aber hey, immerhin etwas Auswahl.
Unser Captain und Lyra bereisen also die Himmel auf ihrem prächtigen Luftschiff. Begleitet werden sie von der typischen Rollenspiel-Party aus Magiern, Nahkämpfern, Heilern und so weiter. Der schwebende Babydrache Vyrm begleitet unsere Helden als dauerplapperndes Plot Device, das die Handlung erklärt. Als die Crew in der Luft von Monstern angegriffen wird, beschwört Lyra den gewaltigen Drachen Bahamut. Nachdem er die Angreifer gesnackt hat, weigert sich das Vieh allerdings, in seinen Pokéball zurückzukehren. Er greift seine Herrin an und zerlegt unser Luftschiff, sodass die Mühle auf der nächsten Insel abstürzt. Damit ist das Ziel gesetzt und die Rahmenhandlung klar: unsere Schüssel wieder zum Fliegen bringen und Bahamut den quer sitzenden magischen Furz austreiben.
Nach kurzem Fußmarsch durch die Pampa treffen wir auf ein malerisches kleines Dorf mit Krämer, Schmiede und Queststation. Hier lassen sich noch weitere Gast-Kämpfer anheuern. Zu viert geht es schließlich auf die Quest, eure Gäste werden entweder vom Computer übernommen oder von Mitspielern im Online-Koop. Der Vorteil: Ihr kämpft nicht alleine. Eure Party ist permanent am Plappern und versorgt euch mit Hintergrundwissen und flotten Sprüchen. Die Plaudereien bleiben aber züchtig und driften nicht ins Sexuelle ab ― sorry ihr Schweinchen, für eure dunklen Triebe müsst ihr euch eine andere Party suchen. Und natürlich lässt sich die Truppe euren individuellen Ansprüchen nach anpassen. Der Nachteil der großen Truppe ist leider, dass eure eigenen Angriffe dabei etwas untergehen. Eure Schläge wirken schwächlich und zeigen nicht die Wucht eines Souls-Teils.
Glücklicherweise gibt es verschiedene Schwierigkeitsgrade. Wem das nicht reicht, der kann das Spiel sogar automatisch kämpfen lassen. Dann übernehmt ihr nur noch Kamera und Richtungs-Kontrollen, die Angriffe prasseln von allein. Vielen mag das als zu wenig erscheinen, ein zu radikaler Schritt weg von der Eigenverantwortlichkeit des Spielers. Ich habe aber tatsächlich gern so gespielt. Ich liebe es, eine Heldentruppe aus dem Hintergrund heraus zu lenken, ihre Werte zu verbessern und sie dann in den Kampf zu schicken. Demnach bin ich großer Fan von japanischer Echtzeitstrategie der Marke “Ogre Battle” und liebe das Gambit-System in “Final Fantasy XII”.
“Granblue Fantasy Relink” leistet sich kaum Fehler. Die Welt ist riesig und vollgestopft mit Geheimnissen. Schatztruhen warten gut versteckt auf gierige Abenteuer oder öffnen sich erst nach einem Minispiel. Alles sieht wunderbar aus und die Musik dröhnt erhebend aus den Boxen. Wenn ich abgesehen vom laschen Schadensgefühl noch einen Kritikpunkt finden müsste, dann wäre es das Fehlen von Ecken und Kanten. Das Spiel versucht zu sehr klassische Abenteuer-Checkboxen abzuchecken und wirklich jedem zu gefallen, wobei es darüber etwas seine Identität verliert. Ecken und Kanten sind eben manchmal gut.
Was kann nun die Erweiterung “Endless Ragnarok”? Das Paket richtet sich vor allem an Profis, die sich und ihre hochgelevelten Helden so richtig fordern wollen. Es driftet zwar nie in Soulige Abgründe ab, aber ihr solltet hier schon wissen, wie das Spiel funktioniert und euch etwas in die Schwächen und Element-Attribute der Gegner eingearbeitet haben. Die Hauptstory wird sinnvoll fortgeführt und ihr bekommt ein dickes Add On, das in etwa den Umfang des Hauptspiels hat. Der Konflux-Modus ist ein Roguelite-Abenteuer mit zufälligen Verbesserungen und Supermonstern. Aber auch die Helden können noch stärker werden und mächtige Meister-Fähigkeiten freischalten. Exklusiv für den Konflux-Modus bekommt jeder Charakter einen eigenen, neuen Talentbaum. Wer also gerne grindet und das Maximum aus einem Spiel rausholen will, der bekommt hier eine harte Nuss zu knabbern. Exklusiv auf Switch 2 kann auch zu viert an einer Konsole gezockt werden. Crossplay gibt es auch.
-mn
Developer: Cygames
Publisher: Cygames
UPE: 39,99 € (Basisspiel), 29,99 € (Erweiterung), 54,99 € (Erweiterung Special Edition)
Testmuster: Vertigo 6 DACH
Schwierigkeit: 4 (Hauptspiel) 7 (“Endless Ragnarok”)
USK: 12
Spielzeit: Hauptspiel ca. 40 Stunden, Endgame über 100 Stunden
“Relink” ist klassisches Gefühlskino für Rollenspieler. Hier werden so viele Nerven gereizt und Erinnerungen geweckt, dass ich hier gern richtig tief versinken möchte. Auch die Zurückhaltung in manchen Dingen ist ein Feature. Der Verzicht auf Hentai-Dialoge und ausufernde Manga-Designs erdet das Spiel, lässt es angenehm bodenständig wirken. Ich habe hier einfach gern meine Zeit verbracht und mit dem Geplapper sympathischer Charaktere im Ohr schicke Himmelswelten erkundet. Manchmal reicht das schon, um einen alten Mann glücklich zu machen. Wie viele moderne Spiele kriegen genau das nicht hin?
-mn
