Zocken als Historiker - Was ich mir von Assassin’s Creed, Anno & Co. wünsche
Ein Gastartikel von Gaststar Ove Frank
Assassin's Creed Shadows auf einem CRT hat keine "Retro Akkuratesse" aber "Retro Authentizität".
Historiker und Unterhaltungsmedien haben ein kompliziertes Verhältnis zueinander. Oft kann man gerade auf Social Media sehen, wie vermeintliche “Experten” Trailer zu Filmen oder Spielen mit geschichtlichen Inhalten gerne auseinandernehmen und auf die geschichtlichen Ungenauigkeiten hinweisen. Gerade in den letzten Jahren, wo Kulturkampf und Themen wie die Repräsentanz von marginalisierten Gruppen oder sichtbare Multiethnizität immer mehr den Diskurs bestimmen, wird zunehmend hitzig über den Aspekt von historischer Genauigkeit diskutiert und gerne kommt es gerade in den Kommentaren zu Anfeindungen - das Internet halt… Oftmals aber hat man das Gefühl, dass hier die geforderte vermeintliche historische Genauigkeit nur ein vorgeschobenes Argument ist. Auffallend oft regen sich Menschen darüber auf, dass ein Yasuke in “Assassin’s Creed Shadows” als ein aus Afrika stammender Mann auf keinen Fall ein Samurai gewesen sein könne und, dass das Spiel somit historischer Quatsch sei, feiern gleichzeitig privat aber Filme wie “Braveheart” oder “Gladiator”, die mit historischer Akkuratesse in etwa so viel zu tun haben, wie RB Leipzig mit organischem Fußball-Wachstum. Gute Filme sind es trotzdem…
So viel zu den Online-Streithähnen, aber wie nimmt denn ein Historiker geschichtliche Videospiele wahr? Regt er sich eigentlich nur darüber auf, dass diese Person den für ihre Zeit falschen Hut trägt, oder dass jene Personengruppe niemals so sehr von der Gesellschaft akzeptiert werden würde, wie im diskutierten Spiel dargestellt, und so weiter? Um es kurz zu machen: Nein! Würde ich mich nur über historische Ungenauigkeiten aufregen, wie könnte ich dann überhaupt noch guten Gewissens Games zocken oder ins Kino gehen? Welches kommerzielle Unterhaltungsprodukt ist denn jemals zu 100 Prozent historisch authentisch oder gar akkurat? Das ist praktisch unmöglich und dessen bin ich mir persönlich sehr bewusst - ebenso wie die meisten meiner Fachkollegen.
Die Umsetzung historischer Inhalte in Videospielen oder Filmen ist in etwa mit einer Buchadaption zu vergleichen: Die allermeisten von euch, die auch die Bücher gelesen haben, werden wahrscheinlich zustimmen, dass die “Herr der Ringe”-Filme von Peter Jackson insgesamt sehr gelungene Umsetzungen sind, auch wenn es inhaltliche Abweichungen gibt. Das eine Medium lässt sich schwierig eins zu eins auf das andere übertragen, da die Erzählweise eine grundlegend andere ist. Dementsprechend müssen Abstriche gemacht und Kompromisse eingegangen werden.
Mit Geschichte verhält es sich im Prinzip sehr ähnlich: Diese steckt zwar voller “Geschichten”, die sich aber in ihrem Verlauf eben nicht unbedingt an unseren Sehgewohnheiten oder unserem Dramaturgieverständnis orientieren. Ein Game, das zwar historisch sehr genau ist, es aber nicht schafft, das Publikum zu begeistern, weil das Narrativ nicht mitreißt, scheitert am Ende. Letztendlich zocken wir doch alle, weil wir unterhalten werden wollen. Aus diesem Grund erwarte ich bereits von vorne weg keine historische Akkuratesse. Was ich mir allerdings gerne wünsche, ist historische Authentizität. Akkuratesse und Authentizität sind nämlich nicht dasselbe:
Historische “Akkuratesse” bedeutet, dass dargestellte Ereignisse und Sachverhalte sich eins zu eins mit dem decken, wie es wirklich war. Das ist allerdings auch unabhängig von Dramaturgie und Storytelling oftmals nicht möglich, da uns die zugrundeliegenden Quellen nur ausgesprochen selten ein wirklich vollständiges Bild zeigen. Je weiter man in der Vergangenheit zurückgeht, desto schwieriger wird die Quellenlage zumeist. Daher müssen diese Lücken ohnehin mit kreativer Freiheit gefüllt werden, um trotzdem ein vollständig anmutendes Bild zu kreieren. Man mag sich das in etwa so vorstellen, wie die Rekonstruktion eines antiken Gebäudes wie des Leuchtturms von Alexandria in “Assassin’s Creed Origins”, von dem wir heute nicht eindeutig wissen, wie er wirklich aussah. Wir können in etwa nachvollziehen, wie er ausgesehen haben müsste, wenn wir den Befund analysieren, uns Quellenberschreibungen durchlesen und auf entsprechendes Vergleichsmaterial zurückgreifen; am Ende bleibt eine solche Rekonstruktion aber Spekulation.
An dieser Stelle kommt nun die “Authentizität” ins Spiel: Authentizität bedeutet nämlich, dass etwas auf Grundlage der Quellen und der Erkenntnisse, die uns zur Verfügung stehen, in sich als “glaubwürdig” erscheint und keinen allzu großen Bruch hervorhebt. Passt in diesem Beispiel der Baustil des Leuchtturms von Alexandria in “AC Origins” zu den architektonischen Überresten der Zeit und der Gegend, wo er errichtet wurde und deckt sich seine Form in etwa mit den Quellenbeschreibungen, die wir haben? Dies sind tatsächlich Dinge, die man selbst als Laie oftmals unterbewusst wahrnimmt. Unser Gehirn sucht nach Mustern und wenn es einen stilistisch großen Bruch gibt, der zur sonstigen Umgebung eindeutig nicht passt - man stelle sich anstelle des antiken Leuchtturms beispielsweise den Eiffelturm vor - bemerken wir dies meist auch. Historische Spiele, die es schaffen, solche Brüche zu umgehen und ihre Darstellungen und Inhalte weitestgehend auf den Quellen beruhen zu lassen, schaffen es dadurch, Immersion zu erzeugen und die Spieler in die jeweils dargestellten Welten hineinzuziehen.
Am Ende ist die Immersion nämlich die Schnittstelle zwischen Authentizität und Spielspaß. Wir wollen ja als Spieler in den uns präsentierten Welten richtig eintauchen und für einen Moment all den Stress und das Chaos des wirklichen Lebens vergessen. Das macht meist auch den besonderen Reiz gerade an historischen Spielen aus, da diese einem das Versprechen vorhalten, in Welten einzutauchen, die sich von unserer Realität zwar unterscheiden, aber nicht so sehr, dass wir uns darin nicht auch irgendwie zurechtfinden würden. Als Historiker wiederum hat man dafür in der Regel ein feineres Auge und sieht, wo die Entwickler in der Rekonstruktion vergangener Epochen die Extra-Meile gegangen sind und wo sie vielleicht doch die Abkürzung gewählt haben.
So gesehen unterscheiden sich zockende Historiker nicht grundlegend von anderen Spielern, die vielleicht keine großen Erwartungen dahingehend hegen, ob das Spiel letztlich besonders “akkurat” oder “authentisch” ist, sondern einfach nur eine schöne Zeit erleben möchten. Letztlich wollen auch wir uns in diese Welten hineinträumen, denen wir so viel Zeit und Mühen unseres akademischen und beruflichen Lebens widmen, gehen aber meistens mit einer gedämpften Erwartungshaltung an die Sache heran. Wenn es dann aber ein Spiel gibt, das sich große Mühe gibt, Geschichte und vergangene Epochen und Kulturen einzufangen, mit Respekt zu behandeln und den Menschen zu präsentieren - zu nennen sei hier beispielsweise “Kingdom Come: Deliverance” - dann freut es gerade den zockenden Historiker umso mehr.
Ich persönlich bin nämlich der Meinung, dass historische Authentizität und Spielspaß einander nicht ausschließen müssen, sondern einander gegenseitig sogar beflügeln können. Ist die Spielwelt authentisch, fällt uns Immersion leichter und wir können uns mehr auf das Spiel einlassen. Wird durch diesen Spielspaß letztlich unser Interesse an den wirklichen historischen Hintergründen geweckt und wir fangen selbst an, nachzuschlagen und zu recherchieren - was in Einzelfällen vielleicht sogar mal in einem Geschichtsstudium münden könnte - dann ist es doch umso besser für das Fach und die Aufmerksamkeit auf Geschichte als wesentlicher Bestandteil unseres sozialen und auch eben künstlerischen Lebens steigt. Bei mir persönlich war es zumindest so:
Als ich Ende der 90er Jahre als noch ganz kleiner Stöpsel meinem älteren Bruder dabei zusah, wie er “Age of Empires” spielte, war es um mich geschehen: Mit Videospielen hatte ich vorher nichts am Hut gehabt, wurde nun aber Zeuge, wie man mit einem Mausklick ganze Arme befehligen konnte, die dabei auch noch so unfassbar coole Rüstungen und Helme trugen - besonders die Helmbüsche der Breitschwertkämpfer hatten es mir angetan. Als ich dann noch erfuhr, dass es die ganzen Helden wie Julius Caesar, Hannibal oder Alexander den Großen einst wirklich gegeben hatte, war ich völlig baff und fragte meinen Vater am nächsten Morgen, was es mit diesen Persönlichkeiten auf sich hatte. Er holte den Brockhaus heraus - das war praktisch das analoge Wikipedia der damaligen Zeit - und hielt mir einen Vortrag nach dem nächsten. Für mich war das der persönliche Startschuss für meine zwei wohl größten Leidenschaften: Geschichte und Gaming. Nun, fast 30 Jahre später, promoviere ich als Althistoriker zu geschichtlichen Inhalten in Videospielen und arbeite nebenbei noch als freier Gaming-Journalist - der Kreis schließt sich also.
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Geboren und aufgewachsen in den verregneten Weiten Schleswig-Holsteins, begann Ove sich bereits in frühster Kindheit für Geschichte zu interessieren, was später in einem Studium der Alten Geschichte und Klassischen Archäologie an der Uni Rostock mündete. Mit zunehmendem Alter begann sich auch Ove’s zweite große Leidenschaft zu verfestigen: Gaming. Auch hier sollte es nicht bei einem einfachen Hobby bleiben, denn nach einem mehrmonatigen Praktikum in den Redaktionen der Gaming-Magazine spieletipps.de und GIGA Games im Jahr 2019 arbeitet er seither als freier Autor in diesem Bereich. Akademisch verbindet Ove nun seine beiden Leidenschaften und schreibt an der Uni Koblenz seine Dissertation über „Die Darstellung römischer Hilfstruppen in Videospielen“.
