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Im Interview: Yayu Murata

Weil die VIDEO GAMES historisch auch immer mal wieder über Anime und Manga berichtet hat, dachten wir uns, wir bringen Euch mal ein Interview zum Thema.

Mit Across the Strange Edge hat der in Deutschland lebende Mangaka Yayu Murata erfolgreich den Sprung ins internationale Crowdfunding geschafft. Über Kickstarter finanzierte er den ersten englischsprachigen Band seines Mangas und begeisterte Unterstützer aus aller Welt. Murata sprach im Interview mit Thorsten über seinen kreativen Werdegang, den Weg zum eigenen Manga und die Herausforderungen als unabhängiger Künstler.

Über den Kickstarter

1. Herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Kickstarter! Wie hast Du den Moment erlebt, als das Finanzierungsziel erreicht wurde?

Vielen Dank! Da dies mein allererster Versuch mit Crowdfunding war, wusste ich überhaupt nicht, ob es funktionieren würde. Als das Ziel erreicht wurde, war ich unglaublich glücklich und vor allem tief erleichtert.

2. Warum hast Du Dich entschieden, den Manga unabhängig per Kickstarter zu veröffentlichen, statt einen klassischen Verlag zu suchen?

Seit ich nach Deutschland gezogen bin, gehe ich oft in hiesige Manga-Läden. Es hat mich immer ein wenig traurig gemacht, dass meine eigenen Werke dort nicht im Regal standen. Mein vorheriger Manga TsumaSho („Meine Frau wird wieder zur Grundschülerin“) wurde in Japan zwar erfolgreich als TV-Drama und Anime adaptiert, aber der damalige Verlag bringt leider fast nie physische Bücher im Ausland heraus. Deshalb dachte ich mir: Da ich die Rechte an einem Werk zurückerhalten habe, das ich früher für einen anderen Verlag (Shogakukan) gezeichnet hatte, nutze ich diese Chance und versuche mich selbst am Self-Publishing.

3. Was war für Dich während der Kampagne die größte Herausforderung?

Das Erstellen des Promotion-Videos für die Werbung. Da dafür ganz andere Fähigkeiten als für das Zeichnen von Manga erforderlich sind, hatte ich anfangs große Mühe, mich an die Videobearbeitungssoftware zu gewöhnen. Außerdem musste ich vom Design bis zur Struktur alles komplett allein gestalten, was eine enorme Herausforderung war.

4. Hat Dich die internationale Unterstützung überrascht? Gab es Reaktionen aus Ländern, mit denen Du nicht gerechnet hast?

Ja, ich war sehr überrascht! Besonders als eine Bestellung aus Nigeria einging, konnte ich es kaum glauben. Wir haben Reaktionen aus den verschiedensten Ecken der Welt erhalten, was mir die enorme Reichweite und Stärke von Kickstarter erst so richtig vor Augen geführt hat.

Über den Manga

5. Wie würdest Du “Across the Strange Edge” jemandem beschreiben, der noch nie davon gehört hat?

Es ist die Geschichte einer tiefen Freundschaft zwischen zwei Oberschülerinnen. Eines der Mädchen besitzt eine unheimliche Kraft: Ihre Gefühle können die Welt so stark verändern, dass sie sie zerstören könnte. Trotz dieser Gefahr möchte das andere Mädchen unbedingt ihre Freundin bleiben. Die Geschichte spielt in meiner Heimat, einer Stadt am Meer, und ist eine etwas bittersüße, aber herzliche Sommererzählung, in der Drachen, Yokai (traditionelle japanische Wesen), Geister und paranormale Phänomene eine große Rolle spielen.

6. Woher stammt die Grundidee für die Geschichte?

Alles begann mit dem Wunsch, eine Geschichte zu erzählen, die in meiner Heimatstadt in der Präfektur Chiba am Meer spielt. Um diese typische Sommeratmosphäre einzufangen, kamen mir dann nach und nach Ideen wie „Oberschülerinnen“ und „Geister“ in den Sinn, die perfekt zu dieser Kulisse passen.

7. Welche Themen liegen Dir bei diesem Manga besonders am Herzen?

Die Kernfrage lautet: „Was bedeutet Freundschaft eigentlich?“ Bedeutet es, jede noch so geheime Seite des anderen zu kennen? Bedeutet es, sich immer alles direkt ins Gesicht zu sagen, oder darf man auch Geheimnisse voreinander haben? Das Finden der richtigen, angenehmen Distanz zu Freunden ist das große Thema dieses Werks.

8. Gibt es Figuren, mit denen Du Dich persönlich besonders identifizieren kannst?

Das ist die Hauptfigur Chizuru. Das Gefühl, eine wichtige Freundin zu haben und sie im nächsten Moment vielleicht doch insgeheim anzuzweifeln – ich glaube, dieses Gefühl trägt fast jeder Mensch irgendwann einmal in sich.

9. Hast Du beim Zeichnen oder Schreiben bestimmte Manga oder andere Künstler als Inspiration?

Was den Zeichenstil betrifft, bin ich stark von zwei Meistern beeinflusst. Zum einen von Yoshihiro Togashi (HUNTER×HUNTER) – ich bin fasziniert von der rohen Schönheit seiner Linien, die oft wie Skizzen wirken. Zum anderen von Maiko Ogawa (Hitori Bocchi no Chikyuu Shinryaku) – sie schafft es, Charaktere mit sehr wenigen Linien wunderschön aussehen zu lassen. Besonders bei der Darstellung des Glanzes der Haare hat sie mich geprägt. Was die Story angeht: Da ich für diese Veröffentlichung das alte Werk stark überarbeite, habe ich kürzlich die deutsche Serie DARK gesehen. Ich habe gespürt, dass es dort Elemente gibt, die synchrone Berührungspunkte mit meiner Geschichte haben. Gut möglich, dass ich davon in Zukunft ein paar Nuancen als Inspiration einfließen lasse.

Über den kreativen Prozess

10. Beginnst Du mit der Geschichte oder entstehen zuerst Figuren und Designs?

Bei mir entstehen meistens die Charaktere zuerst.

11. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dir aus?

Nach dem Aufstehen und dem Frühstück beginne ich mit dem Zeichnen oder dem Erstellen des Manga-Skript/Storyboards. Nach dem Mittagessen arbeite ich weiter. Wenn es zeitlich passt, mache ich am späten Nachmittag einen Spaziergang mit meiner Familie. Danach wird noch etwas gearbeitet, und ich versuche, gegen 22 Uhr ins Bett zu gehen. Um kreativ zu bleiben, ist mir ausreichend Schlaf extrem wichtig.

12. Welche Szene oder welches Kapitel waren bislang am schwierigsten umzusetzen?

In der Geschichte gibt es eine Episode, die in der Jomon-Zeit (der japanischen Urgeschichte von ca. 15.000 v. Chr. bis 300 v. Chr.) spielt. Dieses Kapitel inklusive der historischen Hintergründe visuell umzusetzen, war bisher am schwierigsten.

13. Zeichnest Du komplett digital oder arbeitest Du auch noch traditionell?

Ich arbeite mittlerweile zu 100 % digital. Aber um ehrlich zu sein, habe ich immer noch eine große Sehnsucht nach dem traditionellen Zeichnen mit Papier und Tusche.

Leben zwischen Japan und Deutschland

14. Du lebst inzwischen seit einigen Jahren in Deutschland. Hat das Deinen Blick auf Manga oder Dein Erzählen verändert?

Seit meinem Umzug nach Deutschland habe ich mich noch einmal intensiv mit der Geschichte dieses Landes beschäftigt. Das Wissen und die Perspektiven, die ich dadurch gewonnen habe, beeinflussen mein Storytelling und die Tiefe meiner Erzählungen definitiv auf positive Weise.

15. Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen und der japanischen Manga-Community, die Dir besonders aufgefallen sind?

Mir ist aufgefallen, dass die deutsche Community eine unglaublich tiefe Liebe und großen Respekt für Manga empfindet. In Japan werden Manga natürlich auch geliebt, aber dort nimmt die breite Masse sie eher als ein sehr alltägliches, schnelles Konsumgut und Unterhaltungsmedium wahr.

16. Welche Erfahrungen hast Du als japanischer Mangaka in Deutschland gemacht?

Ein Punkt ist natürlich, dass man als in Deutschland lebender, japanischer Mangaka eine absolute Seltenheit ist. Die meisten Mangaka in Japan haben kaum die Gelegenheit, vor Ort zu erleben, wie sehr ihre Werke im Ausland geliebt werden. Die Begeisterung der deutschen Fans hautnah und direkt spüren zu können, ist eine wunderbare Erfahrung und ein großes Privileg.

Die Manga-Branche

17. Wie beurteilst Du die Möglichkeiten für unabhängige Mangaka heute im Vergleich zu früher?

Durch das Internet und Social Media haben Künstler heute die fantastische Möglichkeit, direkt mit ihren Fans in Kontakt zu treten. Das ist eine großartige Entwicklung. Dennoch glaube ich, dass im japanischen Markt die Zusammenarbeit mit Verlagen nach wie vor sehr wichtig und vorteilhaft ist.

18. Glaubst Du, dass Crowdfunding künftig eine immer wichtigere Rolle für Manga spielen wird?

Ja. Es ist nicht nur eine Plattform für neue, kreative Wagnisse, sondern auch ein Ort, an dem Künstler und Fans gemeinsam eine enorme Dynamik entwickeln können. Ich glaube fest daran, dass hieraus in Zukunft weltweit erfolgreiche, große IPs (Franchises) entstehen können.

19. Was würdest Du jungen Künstlerinnen und Künstlern raten, die ihren ersten eigenen Manga veröffentlichen möchten?

Mein persönlicher Rat wäre, zunächst die Zusammenarbeit mit einem Verlag anzustreben (z. B. durch Debüts oder Einsendungen). Die Arbeit mit professionellen Redakteuren bringt einem unheimlich viel Erfahrung und man lernt extrem viel für die eigene Karriere.

Blick in die Zukunft

20. Was dürfen Deine Leser als Nächstes erwarten?

Ich hoffe, dass die Leser gespannt den Weg dieses Self-Publishing-Projekts mitverfolgen, für das es in dieser Form noch kaum Vorreiter gibt. Da ich als Autor selbst die volle Kontrolle über die IP habe, eröffnet das Möglichkeiten für spannende Kooperationen und unkonventionelle Wege, die große Verlage so nicht gehen könnten. Ich freue mich darauf, wenn die Leser diese Reise mit mir gemeinsam genießen.

21. Ist Across the Strange Edge bereits als längere Reihe geplant?

Als das Werk damals in Japan erschien, war es mit 5 Bänden abgeschlossen. Für die internationale Veröffentlichung strukturiere und überarbeite ich die Geschichte jedoch gerade komplett. Ich schätze, dass das Werk am Ende einen Umfang von insgesamt etwa 6 Bänden haben wird.

22. Kannst Du Dir vorstellen, künftig auch wieder auf Deutsch oder speziell für den deutschen Markt zu veröffentlichen?

Ja, absolut! Tatsächlich stehe ich bereits in Kontakt mit einem wunderbaren deutschen Unternehmen, das großes Interesse an meiner Arbeit hat. Ich denke, dass ich den Fans in sehr naher Zukunft eine sehr erfreuliche Nachricht verkünden darf. Bitte freut euch schon darauf!

Persönlicher Abschluss

23. Gibt es eine Frage, die Dir in Interviews viel zu selten gestellt wird?

Die Frage nach dem ultimativen Ziel oder Traum für Across the Strange Edge. Meine Antwort darauf lautet: Ich möchte aus diesem Werk einen Anime-Spielfilm machen!

24. Was möchtest Du Deinen Unterstützern auf Kickstarter gerne noch mit auf den Weg geben?

Ich kann meinen allerersten Backern nicht genug danken – denjenigen, die das Projekt bereits bei Kapitel 1 (#1) unterstützt haben, als das Werk noch kaum bekannt war. Sie haben allein auf Basis ihrer Erwartungen und ihres Vertrauens in mich investiert. Egal wie groß dieses Projekt in Zukunft noch werden mag: Das Fundament dafür haben Sie gelegt. Ich werde mein Bestes geben, um Ergebnisse zu liefern, auf die Sie als Unterstützer der ersten Stunde stolz sein können.

25. Wenn Du nur eine Seite Deines Mangas auswählen dürftest, die Deinen Stil am besten repräsentiert – welche wäre das und warum?

Es ist die große, zweiseitige Zeichnung, auf der Himiko den Drachen bändigt. Diese Seite werde ich für die kommende Version sogar noch weiter verfeinern und aufpolieren. Sie wird im 3. Band enthalten sein, also behaltet sie unbedingt im Auge!

26. Was möchtest Du, dass die Leser empfinden, wenn sie den letzten Band von Across the Strange Edge einmal zuklappen?

Ich wünsche mir ganz einfach, dass sie ein warmes Gefühl im Herzen haben und denken: „Ich bin wirklich froh, das gelesen zu haben.“ Es soll diese wohlige Zufriedenheit sein, die man verspürt, nachdem man einen fantastischen Kinofilm gesehen hat. Genau das ist es, worauf es mir beim Erschaffen von Geschichten am meisten ankommt. Mein Ziel ist es immer, Werke zu kreieren, die dem Leser dieses perfekte Gefühl nach dem Umblättern der letzten Seite schenken.

-ts


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