Warum Conker fehlt

Erinnert ihr euch noch an Conker, das freche Eichhörnchen und inoffizielle Maskottchen des Nintendo 64? Da es um die Jahrtausendwende zusehends Kritik an ihren immer niedlicher werdenden Hüpfspielen gab, krempelte Rare das bereits fast fertige “Twelve Tales: Conker 64” komplett um und machte aus dem Helden einen Säufer, Frauenhelden und Taugenichts, der sich schwarzhumorig durch allerlei Parodien der damaligen Popkultur kalauerte. Die Original-Video-Games vergab damals üppige 92 % und kriegte sich nicht mehr ein vor lachen. Da Nintendo dieses Eisen zu heiß war, übernahm THQ den Vertrieb und riskierte nur eine geringe Auflage, auch da sich der Lebenszyklus des N64 ohnehin dem Ende neigte. Ich habe damals 180 Mark abgedrückt und es nicht bereut.

Dann kam der Hammer! Microsoft kaufte Rare und für Nintendo-Fans brach eine Welt zusammen. Aus heutiger Sicht mag es ein schlauer Move von Big N gewesen sein. Man gründete die Retro Studios als Auffanggesellschaft für in Scharen abwandernde Mitarbeiter und verkaufte nur eine leere Hülle mit allerlei Rechten. Das Geld konnte Nintendo im nur suboptimal laufenden Heimkonsolen-Geschäft gut gebrauchen. Psychologisch traf es uns Fans aber hart. Da kam einfach der Texaner mit der fetten Brieftasche und kaufte uns die Kindheit unterm Arsch weg — hallo, geht’s noch?

Zunächst schien es immerhin so, als wollte Bill Gates tatsächlich etwas mit seiner Neuerwerbung anfangen. Mit “Conker: Live & Reloaded” erschien 2005 ein ambitioniertes Remake für die erste Xbox. Hier waren allerdings einige Witze geschnitten und der legendäre Rennlevel war aufgrund von mangelhafter Kollisionsabfrage kaum zu gewinnen. Hauptsächlich ging es Microsoft wohl darum, den irgendwie “Counterstrike”-artigen Mehrspielermodus zu melken. Danach durfte Conker noch einen Auftritt in der 2015 für die Xbox One erschienenen Sammlung “Rare Replay” feiern. Anschließend wurde es still um ihn — sehr still. Wie viele der gierig von Microsoft verschlungenen Marken ließ man ihn einfach verhungern und begrub ihn still.

Kommen wir nun zu dem, was ich eigentlich sagen will. Conker fehlt! In den 25 Jahren seit seinem Auftritt hat sich die Videospielwelt dramatisch verändert, ist größer, professioneller, industrieller geworden — aber auch härter. Härter zu Entwicklern, die täglich geknechtet werden von Crunchtimes, Entlassungswellen und KI, aber auch härter zu den Spielern, die Lootboxen, Battle-Pässe, halbfertige Release-Versionen und zuletzt brutale Hardware-Preise ertragen müssen — und dann ist nicht einmal das ganze Spiel auf Disc oder es ist nur ein Code in der Box!

Ein perfektes Betätigungsfeld also für einen frechen kleinen Rüpel, der diese Missstände parodistisch aufs Korn nimmt. Was wäre hier alles möglich! Ich stelle mir einen Level vor, in dem Conker bei einer Spielefirma angestellt ist und die Tücken dieses Alltags zu meistern hat. Ihr steuert ihn durch ein Großraumbüro, durch das eine Entlassungswelle nach der anderen fegt, wie das Schussmuster eines Bullethell-Shooters. Die brav neben ihm sitzenden Hörnchen-Kollegen werden einer nach dem anderen weggefegt, während ihr als Spieler fleißig ausweichen und Deckung suchen müsst. Oder stellt euch einen Schleichlevel vor, in dem der Producer durch die Gänge patrouilliert und euch feuert wenn er euch zu fassen kriegt. Den Endboss gibt dann die allmächtig dräuende KI. Wer sonst wäre für diese Rolle geeigneter als Conker, auch und gerade jetzt nach der Abwicklung von Tim Schafers Studio Double Fine, ausgerechnet durch Microsoft?

Generell finde ich es schade, wie wenig selbstbewusst die Games-Industrie mit ihren Schwächen umgeht. Als hätte man noch nicht gemerkt, dass man inzwischen die größte Entertainment-Maschinerie auf dem Planeten ist. Too big to fail und doch so wenig selbstkritisch. Und diese Selbstkritik gehört in meinen Augen auch dazu, wenn man als Kunstform ernst genommen werden will.

Es wäre so einfach! Kommt schon Microsoft, holt den alten Conker aus dem Ruhestand und lasst ihn noch einmal reiten. Wir brauchen seine Weisheit und den satirischen Spiegel jetzt mehr denn je. Kommt schon Microsoft, seid einmal cool!

-mn


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