Gebissen wird später

Vampire Therapist

Visual Novels haben auf mich seit jeher eine gewisse Faszination ausgeübt. Da diese für uns früher unzugänglich waren, habe ich mich durch die eine oder andere japanische PC-Demo geklickt und schnell festgestellt, dass man anhand der Sprachbarriere kaum Spaß dabei hat. Das Genre sollte mir noch einige Jahre verwehrt bleiben, doch dies sollte sich Mitte der 2000er mit der Einführung des Nintendo DS ändern. Hier habe ich unter anderem mit der “Ace Attorney“-Serie meine ersten richtigen Erfahrungen gesammelt und später mit dem Klassiker “Steins;Gate“ sollte sich das Genre fundamental in meinem Gaming-Repertoire einbetten. Mittlerweile gehören Visual Novels für mich seit Jahren zu den spannendsten Formen des Storytellings in Videospielen. Hier merkt man klar, wo der Fokus liegt, und zwar auf der Geschichte und wie sie erzählt wird.

Entsprechend neugierig war ich auf “Vampire Therapist“, ein ungewöhnliches Projekt aus Deutschland, das euch nicht als Vampirjäger oder blutrünstiges Monster ins Rennen schickt, sondern als … Therapeuten. Ja, richtig gelesen. Klingt erstmal wie ein Witz, entwickelt sich aber überraschend schnell zu einer der interessanteren Visual Novels, die ich in den letzten Jahren gespielt habe.

Die Geschichte dreht sich um Sam Walls, einen ehemaligen Cowboy und Vampir, der genug vom ewigen Töten, Beißen und Selbstmitleid seiner Artgenossen hat. Stattdessen macht er sich auf den weiten Weg nach good old Germany, um sich von seinem neuen Mentor Andromachos in die Kunst der Therapie einführen zu lassen. Das Ganze spielt sich größtenteils über dem fiktiven Gothic-Club “Immernacht“ in Leipzig ab und nutzt das Setting erstaunlich clever. Gerade als deutscher Spieler bekommt man hin und wieder ein leichtes Schmunzeln, wenn Mentalitäten oder europäische Eigenheiten in die Handlung einfließen. Statt der üblichen japanischen Schulflure oder Fantasy-Königreiche bekommt ihr hier eine angenehm andere Kulisse geboten.

Was “Vampire Therapist“ aber wirklich trägt, sind seine Figuren. Sam ist ein großartiger Hauptcharakter. Seine Cowboy-Wurzeln sind nicht von der Hand zu weisen, hier bekommt ihr einen Protagonisten mit Ecken, Kanten und einer Menge trockenem Humor. Seine Kommentare, Unsicherheiten und sein ständiger Versuch, selbst mit seiner Vergangenheit klarzukommen, machen ihn schnell sympathisch. Es gab stellenweise Momente, die mich daran erinnert haben, warum ich Visual Novels so liebe: starke Dialoge, exzentrische Figuren und Gespräche, die sich Zeit nehmen dürfen, ihre Charaktere aufzubauen. Das Gefühl, sich mit jeder Stunde stärker an die Figuren zu binden, ist einfach großartig.

Spielerisch bleibt das Ganze klar im Visual-Novel-Bereich verankert. Ihr lest Dialoge, trefft Entscheidungen und analysiert während Therapiesitzungen die Denkfehler eurer vampirischen Patienten. Dabei greift das Spiel tatsächlich auf reale Konzepte der kognitiven Verhaltenstherapie zurück. Klingt zunächst trocken, funktioniert aber erstaunlich gut. Euch stehen nach einem Crash-Kurs fünf sogenannte kognitive Verzerrungen zur Verfügung, die ihr bei euren Patienten ausmachen müsst. Statt bloß passiv den Gesprächen zu folgen, achtet ihr so ständig darauf, welche psychologischen Muster hinter den Aussagen stecken. Aber keine Angst, für den Fall, dass ihr euch nicht gleich alles merken könnt, habt ihr jederzeit euer Notizbuch auf Knopfdruck zur Hand. Andromachos steht euch dabei ebenfalls telepathisch mit kleinen Hilfestellungen zur Seite. Ansonsten unterhaltet ihr euch munter mit einem bunten Portfolio an illustren Personen und nascht gelegentlich per Minispiel an ihnen.

Atmosphärisch trifft “Vampire Therapist“ genau den richtigen Nerv. Die Mischung aus düsterer Gothic-Ästhetik, gemütlichen Innenräumen, melancholischer Musik und trockenem Humor erzeugt eine ganz eigene Stimmung. Obwohl es um Vampire, Traumata und teilweise ziemlich ernste Themen geht, wirkt es nie unnötig schwer oder deprimierend. Stattdessen schafft das Spiel einen guten Spagat zwischen schwarzem Humor, Selbstreflexion und aufrichtigen Dialogen.

Auch audiovisuell macht das Spiel eine gute Figur. Die Charakterportraits sind ausdrucksstark, die Präsentation wirkt hochwertig und besonders die Sprachausgabe trägt enorm zur Entwicklung der Figuren bei. Dass die Sprachausgabe ausschließlich auf Englisch verfügbar ist, ist schade, gerde bei einem deutschen Entwicklerstudio. Gerade bei einer Visual Novel ist die Geschichte und Erzählweise das Herzstück – und genau hier liefert “Vampire Therapist“ auf hohem Niveau ab. Viele Gespräche wirken natürlich, intelligent geschrieben und vor allem glaubwürdig, was bei einem Spiel über unsterbliche Vampire in Therapie vielleicht die größte Überraschung ist.

-db


GUT

 “Vampire Therapist“ hatte schon mit seinem absurden Konzept sofort mein Interesse geweckt und ich muss sagen, die Umsetzung funktioniert erstaunlich gut. Als großer Fan von Visual Novels war ich ohnehin schnell an Bord, doch vor allem die starken Figuren, die ungewöhnliche Atmosphäre und der sympathische Hauptcharakter Sam, haben mich bei der Stange gehalten. An Sam musste ich mich zwar zu Beginn erst gewöhnen, ich meine einen Cowboy Vampir samt Südstaaten-Dialekt sieht man schließlich nicht alle Tage, aber dann konnte ich ihn gar nicht mehr wegdenken. Am ehesten lässt sich “Vampire Therapist“ mit der “Ace Attorney“-Serie vergleichen, wenn man seine Patienten auf den “Zahn“ fühlt, gleicht das sehr einem Kreuzverhör mit unserem Lieblings-Strafverteidiger Phoenix Wright. Wer Visual Novels etwas abgewinnen kann und Lust auf ein ungewöhnliches Setting hat, sollte diesem deutschen Geheimtipp definitiv eine Chance geben. Gerade weil es einen eigenen Twist mitbringt und sich von den herkömmlichen Genre-Vertretern abhebt.

Das Spiel mag von Vampiren handeln – gebissen hat mich aber am Ende eher die Neugier auf die nächste Therapiesitzung.

Euer Diego Battaglia aka Deku Man X

-db

System: PS5 auch auf Xbox Series, Nintendo Switch
Genre: Visual Novel
Developer: Little Bat Games
Publisher: Ultimate Games
Schwierigkeitsgrad: 6
UPE: 14,99 €
Spielzeit: 8 bis 10 Stunden
USK: 16
Muster von: 1UP PR

Grafik:
79%
Sound:
74%
Motivation:
82%

Spiel-
Spaß:
76%
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