Zwischen Amnesie und Bioshokolade

SOMA - Nintendo Swich 2 Edition

Es gibt diese Spiele, die einen eigentlich von Anfang an ansprechen und trotzdem jahrelang unangetastet auf der Festplatte liegen. „SOMA“ ist bei mir genau so ein Fall. Bereits der Stil, die düstere Science-Fiction-Atmosphäre und natürlich der Name Frictional Games, die für das hochgelobte „Amnesia“ verantwortlich sind, haben mich damals neugierig gemacht. Also landete die PS4-Version vor beinahe zehn Jahren in meiner Sammlung – und dort blieb sie. Immer wieder wollte ich es anfangen, immer wieder kam irgendein anderes Spiel dazwischen. Nun brauchte es tatsächlich die Nintendo Switch 2-Version, damit ich endlich herausfinden konnte, was mich all die Jahre eigentlich erwartet hätte. Ironischerweise habe ich die erste Stunde sogar noch die Switch 1-Version gezockt, ohne es zu merken, bis mir das kostenlose Upgrade-Pack im eShop aufgefallen ist. Na ja, immerhin habe ich jetzt auch einen guten Eindruck davon, wie sich die Versionen unterscheiden.

Dabei beginnt „SOMA“ zunächst erstaunlich unspektakulär. Ihr schlüpft in die Rolle von Simon Jarrett und findet euch in dessen Wohnung wieder. Statt euch mit langen Erklärungen zu bombardieren, lässt euch das Spiel erst einmal selbst herumstöbern. Schubladen lassen sich öffnen, Gegenstände aufnehmen und begutachten, Türen und Schränke werden mit einer direkten Bewegung des Analogsticks geöffnet. Genau diese Interaktivität hat mich sofort an ein VR-Spiel erinnert. Mehrfach ertappte ich mich bei dem Gedanken: Warum zur Hölle gibt es davon keine VR-Version? Gerade diese Art, mit der Umgebung zu interagieren, schreit förmlich danach, die Gegenstände mit den eigenen Händen anzufassen.

Tatsächlich hatte ich mit diesem Gedanken wohl nicht ganz Unrecht. Mit „CARNASIS“ existierte sogar ein Fanprojekt, das genau diesen Traum verwirklichen und „SOMA“ als natives VR-Erlebnis neu aufbauen wollte. Leider wurde die Entwicklung inzwischen auf Eis gelegt. Schade, denn gerade die ersten Spielminuten zeigen eindrucksvoll, wie gut dieses Konzept funktionieren könnte.

Nach einem schon etwas ungewöhnlichen Arztbesuch nimmt die Handlung schnell Fahrt auf. Plötzlich findet sich Simon in der Unterwasser-Forschungsstation PATHOS-II wieder und hat zunächst ungefähr genauso viel Ahnung davon, was hier eigentlich passiert, wie ihr selbst. Genau hier beginnt eine der großen Stärken von „SOMA“: die Geschichte. Statt euch sämtliche Antworten vor die Füße zu werfen, setzt das Spiel seine Handlung Stück für Stück zusammen. Audiologs, Terminals, zurückgelassene Dokumente und vor allem Gespräche geben euch immer neue Hinweise darauf, was in PATHOS-II passiert ist.

Dabei geht es längst nicht nur um Monster und eine verlassene Forschungsstation. „SOMA“ beschäftigt sich intensiv mit Bewusstsein, Identität und der Frage, was einen Menschen überhaupt zum Menschen macht. Das Ganze ist hervorragend geschrieben und schafft es immer wieder, unangenehme Fragen in den Raum zu werfen, auf die es keine einfache Antwort gibt. Besonders gefallen hat mir, dass die Story nicht nur ein ungutes Gefühl auslöst, sondern auch lange nach bestimmten Ereignissen zum Nachdenken anregt.

Spielerisch ist „SOMA“ dagegen vergleichsweise bodenständig. Aus der Ego-Perspektive erkundet ihr PATHOS-II, untersucht eure Umgebung, löst kleinere Rätsel und versucht herauszufinden, wie ihr den nächsten Bereich erreicht. Bewaffnet seid ihr dabei nicht. Taucht eine Kreatur auf, bleibt meist nur, euch zu verstecken oder möglichst unauffällig das Weite zu suchen. Das erinnert natürlich an die hauseigene „Amnesia“-Reihe und sorgt besonders in den engen Korridoren der Station für einige unangenehme Situationen.

Dabei ist es weniger das abstrakte Gegner-Design, das den Horror ausmacht. Viel stärker funktioniert die permanente Isolation. Ihr befindet euch tief unter der Wasseroberfläche, umgeben von kaltem Metall, flackernden Lichtern und Maschinen, bei denen ihr euch irgendwann nicht mehr sicher seid, ob sie wirklich nur Maschinen sind. Selbst in den ruhigen Momenten hatte ich ständig das Gefühl, hier stimmt irgendwas nicht. Hin und wieder fühlte ich mich dabei an den Klassiker „BioShock“ erinnert. Die Atmosphäre gehört für mich klar zu den größten Stärken des Spiels.

Optisch merkt ihr „SOMA“ natürlich an, dass das Original bereits 2015 erschienen ist. Gerade Texturen und Charaktermodelle können ihr Alter nicht vollständig verbergen. Dafür funktioniert das Art-Design bis heute sehr gut. PATHOS-II wirkt dreckig, heruntergekommen und gleichzeitig glaubwürdig. Kabel hängen aus den Wänden, Wasser dringt durch beschädigte Bereiche und überall finden sich kleine Details, die etwas über die ehemaligen Bewohner erzählen. Die Switch-2-Version bessert technisch noch einmal nach und bietet eine höhere Auflösung, bessere Bildqualität und eine flüssigere Darstellung. Beim Wechsel ist mir direkt aufgefallen, dass die Farbgebung etwas heller ausfällt und die Sichtweite leicht erhöht wurde. Hin und wieder konnte ich bei beiden Versionen kleinere Ruckler wahrnehmen, gerade wenn viele Details zu sehen sind. Auch mit diesen Verbesserungen ist „SOMA“ natürlich kein aktuelles Grafikbrett, der mittlerweile über zehn Jahre alte Titel wirkt auf der Switch 2 aber angenehm sauber.

Mindestens genauso wichtig ist die Soundkulisse. Metallisches Knarzen, entfernte Geräusche und das dumpfe Dröhnen der Unterwasserstation sorgten mehr als einmal dafür, dass ich mich vorsichtig umsah, obwohl eigentlich gar nichts passiert war. Die Musik hält sich meistens dezent zurück und lässt stattdessen die Umgebung arbeiten. Wenn sie sich dann doch stärker einmischt, unterstützt sie die melancholische und bedrückende Stimmung. Gerade mit Kopfhörern gewinnt „SOMA“ dadurch noch einmal deutlich an Atmosphäre.

-db


GUT

 Fast zehn Jahre lag „SOMA“ bei mir auf der PS4 installiert, nur damit ich es am Ende auf der Switch 2 nachhole. Irgendwie schon bescheuert, aber besser spät als nie. Ein wenig bereue ich schon, dass ich so lange gewartet habe. Allerdings war mir damals auch nicht bewusst, dass das Spiel komplett ohne Kämpfe auskommt. Aber gerade die Atmosphäre und die hervorragend geschriebene Geschichte treffen ziemlich genau meinen Nerv.

Besonders überrascht hat mich, wie wenig „SOMA“ auf billige Schreckmomente angewiesen ist. Natürlich gibt es Kreaturen und Situationen, in denen ich lieber zwei Schritte zurück als einen nach vorne gemacht hätte. Der eigentliche Horror entsteht für mich aber aus den Fragen, die das Spiel stellt. Was macht mich zu dem, der ich bin? Wo beginnt das Bewusstsein? Und ist eine perfekte Kopie meiner Erinnerungen immer noch ich? Das sind Gedanken, die wesentlich länger hängen bleiben als der nächste Jumpscare.

Die Switch 2-Version war für mich deshalb die perfekte Gelegenheit, diese Bildungslücke endlich zu schließen. Und trotzdem bleibt nach dem Abspann eine Frage offen: Warum gibt es davon verdammt noch mal keine richtige VR-Version? Die Interaktion mit der Umgebung, die engen Korridore und diese bedrückende Tiefsee-Atmosphäre wären dafür wie geschaffen. Vielleicht wird dieser Traum irgendwann doch noch wahr.

Rapture lässt grüßen – nur hätte selbst Andrew Ryan vermutlich zweimal überlegt, ob er in PATHOS-II eincheckt.

Euer Diego aka Deku Man X

-db

System: Switch 2
Genre: Horror-Adventure
Developer: Frictional Games
Publisher: Abylight Studios
Schwierigkeitsgrad: 5-6
UPE: 28,99€
Spielzeit: ca. 10 bis 15 Stunden
USK: 16
Muster von: Abylight Studios

Grafik:
72%
Sound:
74%
Motivation:
82%

Spiel-
Spaß:
76%
Werbung nervt!

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