Albtraumhaftes Rastergulasch
Nightmare Reaper
Moment mal, das Spiel gibt es doch schon seit vier Jahren, warum jetzt noch einen Test dazu? Ganz einfach, mit dem Patch 3.7 haben "Blazing Bit Games" ihrem Retro-Boomer-Loot-Shooter eine komplette Überarbeitung inklusive nagelneuem Multiplayer-Modus spendiert. Ob die neue Frischekur auch was gebracht hat, kläre ich hier für Euch.
Bevor ich auf die Neuerungen eingehe, was war denn "Nightmare Reaper" gleich nochmal? Als namenlose Patientin einer Irrenanstalt durchlebt Ihr schreckliche Albträume, in denen Ihr Euch mit purer Waffengewalt durchschlagen müsst. Dabei ist der Ablauf in zwei Phasen eingeteilt. Einerseits, wie erwähnt, die Albtraum-Schießereien, deren Level alle zufällig generiert werden. Zum Anderen erwacht die Patientin in ihrer Zelle, welche erkundet werden kann. Hier findet Ihr immer wieder mal Story-relevante Notizen. ´´Dabei bleibt die Geschichte eher seicht im Hintergrund und will auch nicht zu viel Aufmerksamkeit von Euch. Die Story selbst präsentiert sich anfangs sehr kryptisch, ergibt aber nach und nach mehr Sinn und ist auch einigermaßen unterhaltsam geschrieben. Letztlich dient sie aber nur als Gerüst für das Gameplay. Der Pixel-Look unseres Krankenhausaufenthalts ist auf den ersten Blick nichts Besonderes, schafft aber beim zweiten Hinsehen eine dichte Atmosphäre durch schöne Lichteffekte und verschieden gestaltete Biome im Schlummerland.
Das Herzstück des Titels sind die Erkundung dieser Traumwelt und die Ballereien darin. Um in die Traumebene zu gelangen benutzt Ihr das Bett der Patientin. Dort angekommen, legt Ihr Euch mit allerlei Zombies, Dämonen und anderem untoten Geschmeiß an. Hier findet Ihr Geheimnisse hinter rissigen Mauern, drückt Schalter und stellt Euch typischen Dungeon-Fallen wie Stacheln aus dem Boden, Feuerfallen etc. – Ihr kennt den Drill. Während Eurer Albtraumtrips werdet Ihr regelrecht unter Loot begraben. Waffen, Munition, Hilfsobjekte und Gold sprudeln Piñata-gleich aus Eurem Kanonenfutter. Letzteres braucht unsere Insassin, um dauerhaft neuer Fähigkeiten und Perks habhaft zu werden. Dafür spielt Ihr dann das Spiel im Spiel. In den ersten Levels sammelt Ihr ein Modul für einen "Game Boy" auf. Euer Inventar wird als GBA-ähnlicher Handheld dargestellt. Darauf könnt Ihr die gefundene Cartridge nutzen, um einen Plattformer im Mario-Stil darauf zu zocken. Auf der Map des Mini-Spiels, die nebenbei stark an "Super Mario Bros. 3" erinnert, gebt Ihr Euer hart verdientes Gold für neue Levels/Perks aus. Schafft Ihr den anschließenden Hüpfspiel-Level erfolgreich, winken Euch dafür Stärkungen wie mehr Lebensenergie, schnellere Bewegung, mehr Waffenslots und so weiter. Gold bekommt Ihr außerdem, wenn Ihr Eure Ballermänner verkauft. An jedem Level-Ausgang müsst Ihr eine Bleispritze wählen, die Ihr weiterhin behalten wollt. Der komplette Rest des Arsenals wird in bare Münze umgewandelt. Auch die Tatsache, nur eine Waffe mitnehmen zu können, macht es nötig, sich tiefer mit den gefundenen Verteidigungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen. Das verlangt, sein Gunplay taktischer zu planen – gefällt mir.
Jedes gute Egoshooter steht und fällt mit seinem Gunplay. Glücklicherweise ist das hier echt gut gelungen. Ihr hüpft und ballert Euch mit präziser Steuerung durch die Alptraumhafte Gegnerschaft. Das Polish der Steuerung befindet sich zwar nicht ganz auf dem Niveau eines Classic-"Doom", ist aber gut genug, um blitzschnell durch die Gänge zu fegen und den Gegnern ordentlich einzuheizen. Von Explosions- und Schusswaffen sämtlicher Kaliber, über Klingenwaffen und Wurfsterne bis hin zu Zauberstäben, Lasern und verschiedenen Hilfsfähigkeiten findet Ihr sehr viele Möglichkeiten, Euren Bildschirm damit rot zu färben. Mein Highlight ist eine abgesägte Schrotflinte, welche Bowlingkugeln wie Schrot verschießt – zu geil! Ein Shout-Out generell für die Schusswaffen im Spiel. Die meisten davon haben praktische Zweitfunktionen wie alternative Schuss-Modi oder sogar nützliche Zooms. Das Trefferfeedback kommt gut rüber, die Knarren-Sounds donnern und die Feinde zeigen nach Treffern so richtig, was in ihnen steckt. Obwohl das Spiel schon ab 16 freigegeben ist, fliegen hier ganz schön die Fetzen – Bildschirmgulasch auf Knopfdruck, so wie es für einen Shooter nach alter Tradition auch sein soll.
Wie viel Spiel steckt drin? Die Hauptgeschichte unserer Patientin ist nach ein paar Stunden zu Ende erzählt. Ein geheimes Ende gilt es ebenfalls zu entdecken. Darauf gehe ich nicht groß ein. Lasst Euch hier gerne selbst überraschen. Um alles an Geheimnissen und Ausrüstung zu sammeln, könnt Ihr um die 50 Stunden in den blutigen Trip investieren. Der New-Game-Plus-Modus sorgt dafür, dass Eure Albträumerin immer stärker wird, was durchaus für eine gewisse Motivation sorgt.
Was ist jetzt neu? Die angesprochenen Verbesserungen des Patches 3.7 erweitern das Grundspiel um circa 20 neue Waffen. Neue Fähigkeiten und Zauber sind ebenfalls mit an Bord. Der New-Game-Plus-Modus wurde mit neuen Skill-Trees und Minispielen überarbeitet. Laut Entwickler finden sich insgesamt 99 Mordwerkzeuge mit unzähligen, zufälligen Waffeneffekten im Spiel wieder. Ganz neu sind seltene "Shiny"-Waffen mit besonders ausgefallenen Mechaniken – wie die bereits erwähnte Bowlingkugel-Schrotflinte. Obendrauf gibt es noch einen kompletten Mehrspielermodus für bis zu vier Spieler im Co-op, oder einen Deathmatch-Modus für verbissene Bildschirmschlachten untereinander. Das Update wird zunächst nur für den PC auf Steam und GOG verfügbar sein und ist für Besitzer des Spiels kostenlos. Auf Rücksprache mit "Blazing Bit Games" wurde uns versichert, dass an den Konsolen-Updates bereits gearbeitet wird. Dann dürft Ihr Euch auch auf den Konsolen zusammen ins Getümmel stürzen.
Im Co-op-Multiplayer dürfen zwei bis vier Mitträumern an den Start. Je nach Anzahl der Verbündeten skaliert der Widerstand der monströsen Albtraum-Brut, um die Herausforderung stabil zu halten. Ihr könnt auch "Friendly Fire" aktivieren. Damit wird jede Session noch chaotischer. Was mir im Zusammenspiel am besten gefallen hat, ist, dass die Spieler aufeinander wirklich Acht geben müssen. Stirbt einer in der Gruppe komplett, war’s das für alle anderen ebenfalls. Gefallene Kameraden können 30 Sekunden lang wiederbelebt werden. Rennt schnell zum Ort der Freundes-Schmach und hämmert die Kick-Taste, bis Ihr mit liebevollen Tritten den halbtoten Verbündeten wieder zurück ins Leben tretet. Wie im Singleplayer kommt es darauf an, so viel Brauchbares wie möglich einzusammeln. Jeder erreichte Fortschritt wird auch in den Ein-Spieler-Modus übertragen. Wem "Friendly Fire" nicht reicht, darf sich noch im Deathmatch-Mode austoben. Hier werden alle möglichen Waffen des Spiels zufällig in der Arena platziert, so dass niemand weiß, welche Tötungsart wo auftaucht – netter Kniff. Das alles steht insgesamt in einem recht guten Licht da, oder?
Wo Licht ist, ist auch Schatten. Trotz der vielen Waffen und Fähigkeiten macht sich nach einiger Zeit eine gewisse Monotonie breit. Klar, ich spiele hier einen Loot-FPS und da gehört der Grind dazu. Dennoch ist der immergleiche Loop von Ballern, Schlafen und Ballern nicht gerade abwechslungsreich. Da helfen auch die Story und die unterschiedlichen Level-Stile der Traumwelten nur bedingt. Dazu kommt, dass in späteren Levels die Gegner regelrecht süchtig nach Eurer Munition werden. Mit schwachen Wehrmitteln macht Ihr da keinen Stich. Auch Fallen sind an einigen Stellen unnötig unübersichtlich. Es kommt relativ häufig vor, dass Ihr auf gut Glück ins Ungewisse springen müsst, weil Ihr nicht seht wohin – zack, seid Ihr in den Stacheln gelandet und habt wertvolle Lebensenergie verloren. Das prozedurale Leveldesign der Traum-Exkursionen ist zwar zweckdienlich, verweigert den Gebieten dadurch aber ihre Einzigartigkeit.
Eine positive Besonderheit bietet "Nightmare Reaper" noch. Für das Sound-Desing ist der in Modding-Kreisen bekannte Musiker Andrew Hulshult tätig gewesen. Zu seinem Repertoire gehören neben der GZ-Doom-Sound-Mod für "Heretic", zudem das Album "IDKFA", welches sogar in der aktuellen Classic-Doom-Version des Studios "Nightdive" mit enthalten ist. Seine Gitarrenriffs passen gut zu dem Gemetzel und verpassen dem Spiel in Verbindung mit den satten Schussgeräuschen die nötige akustische Wucht.
-tl
Developer: Blazing Bit Games
Publisher: Blazing Bit Games
UPE: 24,50 EUR
Testmuster: Evolve PR
Schwierigkeit: variiert, 6-9
USK: 16
Spielzeit: Bis zu 50 Stunden
In der Preiskategorie von knapp 25 Euro muss sich "Nightmare Reaper" durchaus härterer Kritik stellen. Einen Multiplayer haben andere günstigere Retro-Shooter ebenfalls. Bei Classic-"Doom" von "Nightdive" können sogar bis zu sechzehn Hobby-Slayer gleichzeitig die Dämonen oder sich gegenseitig mit Blei vollpumpen. Das Gunplay des Patienten-Trips ist wuchtig und macht Spaß, lässt aber die Sauberkeit seiner Vorbilder missen. Die RNG-Traumwelten sorgen zwar für unterschiedlichen Levelaufbau, büßen durch ihre Zufälligkeit aber stark an Charakter ein. Was bleibt nun? Hier stehen ganz klar die vielen ausgefallenen Waffen, die Charakter-Progression und der Multiplayer-Modus im Fokus. Und das alles zusammen macht in den ersten Stunden auch richtig viel Laune, nutzt sich aber leider ab und wird mit fortschreitender Spieldauer recht dröge. Dieser Titel ist für Leute, die einen Loot-Shooter mit viel Beute und leichten Horror-Elementen haben möchten, welcher mit Freunden gespielt werden kann. Als Topping gibt es unkompliziertes, stumpfes Geballer mit ordentlich Soße und abgefahrenen Schießprügeln mit interessanten Perks. Wer sich nicht an dem repetitiven Loop stört, darf hier unbesorgt einen Blick riskieren.
-tl
Hui, was für ein wilder Trip! “Nightmare Reaper” greift mutig dorthin wo es weh tut. Wir sind kein waffenstarrender Muskel-Schrank, sondern ein kleines, verletzliches Mädchen in einer Anstalt. Die Kämpfe sind wuchtig und psychedelisch und als Kirsche auf der Indie-Torte thront das Auflevel-Minispiel im Mario-Gewand. Wäre der Titel vor zehn Jahren erschienen, hätte er mich vollkommen umgehauen. Jedoch hat sich die Indie-Welt seit “Shovel Knight” ein gewaltiges Stück weitergedreht. Auch kleinere Projekte haben inzwischen ein gewisses Niveau erreicht, in dem “Nightmare Reaper” leider etwas untergeht. “Schuld” ist der immer gleiche Gameplay-Loop zusammen mit den zufallsgenerierten Maps. Hätten die Entwickler auf handgemachte Level gesetzt und den Inhalt stark gestrafft, wir hätten einen veritablen Hit. So wird der Titel wohl, nach kurzem Staunen über die kreativen Ideen, in Eurer Steam-Bibliothek versauern.
-mn
Zu Beginn war ich etwas skeptisch, Roguelites jeglicher Art werden von mir prinzipiell erstmal kritisch beäugt. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass es mit dem richtigen Konzept durchaus funktionieren kann – so auch “Nightmare Reaper”. Die “Runs” in den Alptraum-Welten können, je nach ergatterter Waffe, richtig spaßig werden, auch wenn es nicht den Sog eines “Binding of Isaac” erzeugt. Stellenweise ist sogar richtig was los auf dem Bildschirm, teilweise aber auch zu viel und die Übersicht geht vor lauter Projektilen und Gegnern flöten. Der Multiplayer hat mir dann , entgegen meiner Erwartung, so richtig Spaß gemacht. Mit Martin und Tim, Rücken an Rücken finstere Gestalten nieder zu mähen und individuellen Loot einzusacken, war schon richtig nice. Wenn Ihr Bock habt auf einen simplen Retro-Shooter, den Ihr mit Freunden zwischendurch mal reinhauen könnt, dann kann ich Euch das Ding durchaus empfehlen.
-db
