Klassizistischer Mystizismus
Myst / Riven
Hachja, die Neunziger! Erinnert ihr euch noch an die Zeitschrift Bravo und diese Bands, die sie promotete? Da gab es immer diese kurze Rap-Einlage, die selbst mit rudimentären Englisch-Kenntnissen keinen Sinn ergab — war aber halb so wild, denn kaum jemand sprach wirklich englisch. So wurde dann auch “Tomb Raider” arg deutsch ausgesprochen. Man sagte “Tohmp Rai-da” statt “Tuumb Räyda”, wie es sich gehört. “Myst” war natürlich “Müüüüühst” — oder Mist, falls man ein Edgelord war und witzig sein wollte.
Und “Myst” hinterließ tatsächlich seine Fußstapfen in der Spielewelt. 1993 erschienen, bot es ein ernstes wie atmosphärisches Gegengewicht zu all den cartoonig-lustigen LucasArts-Adventures rund um “Monkey Island”. Moment mal, ist Thorsten in der Nähe? Nicht dass er mich noch klatscht, wenn ich hier zu abfällig über seine Lieblings-Adventures rede. Also, “Myst” lieferte entspannte Insel-Hintergründe und chillige Musik, während es eine tiefe und erwachsene Fantasy-Geschichte erzählte. Ihr tauchtet ein in eine Welt der sprechenden Bücher, in der nicht jeder Questgeber euch die Wahrheit sagte und ihr mitunter in böse Fallen geraten konntet, die zu depressiven Enden führten. Japan-Fans fühlen sich hier an Kenji Enos Render-Meisterwerk “D” erinnert.
Die Bilder, die hier geliefert wurden und die mediterrane Inselwelt unterfütterten, waren damals enorm eindrucksvoll und fast fotorealistisch. Zusammen mit der chilligen Musik konnte man hier tief in diese Welt eintauchen wie in einen Fantasy-Roman. Der Nachfolger “Riven” setzte 1996 noch einen drauf. Auf vier CDs wurde hier eine ganze Inselgruppe lebendig. Besonders eindrucksvoll waren die Reisen zwischen den Eilanden. In einer Art Shuttle auf einem Schienennetz wurdet Ihr hier in der Egoperspektive von Insel zu Insel geschossen. was ziemlich spektakulär war.
Ich muss kleinlaut gestehen, dass all diese Pracht damals an mir vorbei ging. Ich war beinhartes Nintendo-Kind und verlor mich in Hyrule, dem Pilzkönigreich und dem Lylat-System. Zudem bin ich bis heute nicht wirklich kompatibel mit dem Adventure-Genre. Mir ist das bedächtige Zusammenpuzzeln von Hinweisen auf einer Quasi-2D-Fläche einfach zu bedächtig. Thorsten ist immer noch außer Hörweite, richtig?
Nun habe ich also Gelegenheit, diese Scharte auszuwetzen. “Myst” und “Riven” sind wieder da, als komplette 3D-Neuauflagen. Die so beliebten und so streitlustigen Kategorien Remake und Remaster zählen hier beide nicht. Hier wurden die beiden Spiele von Grund auf in komplette, begehbare 3D-Welten nachgebaut, die sich jetzt sogar in virtueller Realität erleben lassen.
“Myst” erschien 2021 als VR-fähige Neuauflage für PC, “Riven” folgte 2024. Jetzt sind beide zeitgleich für PSVR 2 erschienen. Sie teilen sich Grafiksets und (Unreal-)Engine. Der gewaltige Grafiksprung zwischen den Titeln entfällt also. Der Vorteil: Die beiden können direkt hintereinander weg gezockt werden und ergeben so eine große, lange, zusammenhängende Geschichte. Demnach haben wir uns auch entschieden, die beiden Titel zusammen zu testen.
Ich setze also meinen PSVR 2-Helm auf und tauche ein in die mediterrane Inselwelt. Bevor ich auf der Insel Myst lande, kommt natürlich die ikonische Übergangs-Sequenz. Ich finde ein Buch mit bewegten Seiten, die wie kleine TV-Bildschirme die magischen Reiche zeigen, in die ich reisen kann. Dieses Welten-Schreiben, erfunden von der untergegangenen Hochkultur der D’ni, bildet den mythologischen Hintergrund für das Abenteuer. Jetzt, in VR, kann ich das Buch tatsächlich in den Händen halten, drehen und von allen Seiten betrachten. Für alteingesessene “Myst”-Fans ist dies sicherlich ein magischer Moment.
Dann landet ihr auf der Insel Myst. Es ist ein kompakter Insel-Hub, der euch eine Reihe von Rätseln vom Start aus erreichen und in beliebiger Reihenfolge spielen lässt. Hier und da stehen kleine Häuschen und Schuppen, die geheimnisvolle Mechanismen, Aufzüge oder Kellertreppen beherbergen. Da möchte beispielsweise die korrekte Zeit am Uhrenturm eingestellt werden oder der Überdruck an Ventilen reguliert werden. Wenn die magischen Bücher ins Spiel kommen, lernt ihr Myst in verschiedenen Zeitaltern kennen. Hier ändern sich Wetter, Rätselstruktur und manchmal die ganze Insel. “Chrono Trigger”-kompliziert wird es aber nie.
Ziel ist es, Buchseiten zu sammeln, mit denen ihr das rote und das blaue Buch in der zentralen Bibliothek vervollständigen könnt. Kenner wissen schon, welches Drama sich dadurch entfaltet. Bei der offenen Struktur bietet sich ein Randomizer an. Den gibt es und er muss nicht einmal freigeschaltet werden. Da “Riven” linearer und filmischer ist, entfällt hier die Würfelei. Stattdessen gibt es ein System, das den Zahlencode, den ihr hier knacken müsst, für jeden Spieldurchgang neu würfelt.
Audiovisuell werden keine Bäume ausgerissen, aber das Gebotene wirkt. Die Möwen schreien, Farben und Oberflächen wirken und die Maschinen haben einen herrlich dröhnenden, quietschenden Sound. “Myst” und “Riven” sind Orte der Entspannung und Einsamkeit, in denen aber stets eine unterschwellige Bedrohung mitschwingt.
-mn
Ein Adventure-Hansel bin ich immer noch nicht — sorry Thorsten. “Myst” und “Riven” gewinnen bei mir aber deutlich durch den VR-Faktor. Es ist einfach etwas anderes, wenn ich ein Ventil tatsächlich von Hand drehe, anstatt simpel einen Controller-Knopf zu drücken. Es ist etwas anderes, wenn ich meinen Kopf drehen kann und die Kamera meinen Bewegungen in Echtzeit folgt. Es ist faszinierend, in VR durch Okulare zu blicken, Bücher aufzuschlagen und schrittweise diese Inseln zu erkunden. Auch auf meiner schwachbrüstigen PS5 Amateur sehen die Landschaften gut aus und strahlen dieses Hintergründige, Geheimnisvolle aus. Trotz Randomizer und mehrerer Enden werdet ihr hier aber nicht ewig sitzen, beide Abenteuer sind eher kompakt. Für Adventure-Noobs wie mich hätte ich mir zudem eine Hilfefunktion gewünscht.
-mn
Genre: Adventure/Walking Simulator
Developer: Cyan Worlds
Publisher: Cyan Worlds
Schwierigkeitsgrad: 4
UPE: je 34,99 €
Spielzeit: Ca. 3-4 Stunden, bei geistiger Trägheit entsprechend länger
USK: 6 (Myst) / 0 (Riven)
Muster von: hat Martin vergessen einzutragen
Grafik:
Spaß:
72%(Myst)
74%(Riven)
