Schwarz-weißer Käse?
MOUSE: P.I. For Hire
Eine auffällige Art-Direction ist definitiv ein guter Anfang, um einen Titel an den Kunden zu bringen. Der quirlige Rubber-Hose-Comic-Stil der 1930er Jahre ist spätestens seit dem Erfolg des Indie-Hits "Cuphead" in den Fokus der Allgemeinheit gerückt. Dementsprechend lassen sich auch immer wieder andere kleine Studios davon inspirieren und schicken ihre Vision eines Retro-Cartoon-Spiels ins Rennen. Mit "MOUSE: P.I. For Hire" zeigen uns die polnischen Entwickler Fumi Games ihre Interpretation eines Ego-Shooters im klassischen Look. Ob hinter der schönen Optik auch ein gutes Spiel steckt, finden wir hier gemeinsam heraus.
"MOUSE: P.I." erzählt eine Detektivgeschichte im Noire-Stil. Dafür wird, wie in jener Zeit üblich, in der Präsentation komplett auf Farben verzichtet, um dem Flair damaliger Krimi-Stories gerecht zu werden. Der Ersteindruck ist zunächst überwältigend. Schön gezeichnete Figuren mit flüssigen Animationen, stimmungsvoll designte Areale und dazu schmissige Jazz-Musik, die auf ein rasantes Abenteuer mit Spürnase Jack Pepper einladen.
Als ehemaliger Soldat hat Protagonist Jack den Weg des Private Investigators eingeschlagen. In "MOUSE: P.I." erlebt der nagende Schnüffler seinen härtesten Fall und wir sind hautnah dabei. Typisch für eine Noire-Geschichte erwartet euch ein Held in Gefahr, hilfreiche Verbündete, eine Femme Fatale und auch die obligatorlische Käsekrümelspur die von Ort zu Ort führt, um den Verlauf der Story fortzuführen. Die gesamte Geschichte ist unterhaltsam erzählt. Troy Baker leiht der Hauptfigur Jack seine Stimme. Im Vergleich zu seinen talentierten Mitsprecherinnen und -Sprechern liefert er hier eine eher mittelmäßige Performance ab. Die ständig gleich monotone Stimme, ohne wirkliche Höhen und Tiefen im Klang, soll natürlich den rauchigen Touch eines alten Haudegens vermitteln. Allerdings sorgt das Gebrummel auf Dauer eher dafür, dass ich einen Schluck Kaffee nach dem anderen brauche, damit ich dabei nicht wegdöse. Vermutlich ist das Geschmacksache, mein Nerv wird damit jedoch nicht getroffen.
Für viele Treffer sorgen die einzelnen Schießprügel im Spiel. Zwölf verschiedene Waffen stehen Jack Pepper im Laufe seiner Kampagne zur Verfügung. Von einer Pistole, über Schrotflinten bis hin zum Granatwerfer sind schon mal die üblichen Verdächtigen abgehakt. Für ein wenig Abwechslung im üblichen Waffenschrank sorgt zum Beispiel der Desbarnisierer. Dieses Farblösergewehr lässt Feinde vor euren Augen schmelzen. Mit der Tragbaren-Eisgefriertruhe verwandelt ihr euer Kanonenfutter in Eiswürfel, und sowas wie die Hellrazor-Kettensäge ist wohl selbsterklärend. Alle Waffen bieten alternative Feuermodi, um mehr Wumms zu erzeugen. Zusätzlich lassen sich die Mausperforierer mit gefundenem Geld und Blaupausen stärker machen und verändern dabei auch ihr Aussehen. Neben den Bleispritzen darf der Mauswanderer auf permanente und temporäre Upgrades setzen. Im laufe der Story bekommt ihr einen Dash, einen Doppelsprung, den Schwunghaken oder sogar die Fähigkeit durch kleine Röhren zu krabbeln, um im Mäuse-Stil voran zu kommen. Vorübergehende Fähigkeiten wie die Pepper-D-Flammenmunition bekommt ihr an kleinen Automaten und eine Dose Spinat wartet zwischendurch auf euch, damit ihr in alter Popeye-Manier Backpfeifen verteilen könnt. Das ist ganz nett und sorgt zwischendurch für etwas mehr Spektakel. Das Gunplay selbst erinnert mich stark an "Bioshock". Irrationals Unterwasser-Trip hat seiner Zeit auch auf eine schöne Fassade und für damalige Verhältnisse ein eher mittelmäßiges Gunplay gesetzt. Das gleiche Problem sehe ich hier auch. Eine solide, aber nicht wirklich saubere Zielgenauigkeit der Waffen macht das Ballern ungenau. Da hilft es auch nicht, die Empfindlichkeit der Steuerung zu ändern. Das Schießen fühlt sich teilweise auch leer und kraftlos an. Das liegt nicht zuletzt am Aufhänger von "MOUSE: P.I.": der Optik.
Im ersten Eindruck ist der Grafikstil spektakulär. Die Figuren im Spiel sind allesamt in 2D von Hand gezeichnet und schön animiert. Die Munition grinst dich an und Waffen hüpfen lustig auf und ab. Generell ist alles Gezeichnete im Spiel ständig in Bewegung und wirkt dadurch sehr lebendig. Allerdings sind manche Areale so überfrachtet mit wiggly Gegnern, wackelnden Gewehren und Munitionsschachteln, die vor Freude hüpfen, dass man dabei den Überblick verlieren kann. Das ganze Gewackel dämpft das Trefferfeedback ungemein. In dem Animations-Wirrwarr ist es nicht selten schlecht auszumachen, ob und wann ich einen Gegner getroffen habe. Dabei hilft der schwarz-weiße Stil leider gar nicht. Die starken Kontraste schlucken in einigen Gebieten viel von der visuellen Information, die ich in dem Genre brauche, um zielsicher agieren zu können. Das Gleiche gilt für den sammelbaren Loot. Der Graustufen-Look verlangt von euch ganz genau hinzuschauen, sonst rennt man gerne mal an nützlichen Dingen oder Geheimnissen vorbei.
Secrets sind natürlich auch ein großer Teil des Level-Designs von "MOUSE: P.I.". In jeder Stage könnt ihr geheime Winkel entdecken, die mit allerlei Kram bestückt sind. Tresore kann Jack mit seinem Mauseschwanz auch knacken. Dazu ist nur ein kleines Minispiel nötig, um die Kontakte mit seinem verlängerten Hinterteil im Schloss zu drücken. Die Stages selbst sind eine Mischung aus Schalter-Rätseln, Arena-Ballereien und Platforming-Abschnitten. Die Level-Architektur wird mit fortschreitender Spieldauer zwar etwas komplexer, aber Abwechslungsreichtum im Ablauf wird bis zum Ende leider eine Seltenheit. Neben Geld, Munition, Rüstung, Lebensenergie und Waffen können Comic-Schnipsel, Figuren, Baseballkarten und Blaupausen gefunden werden. Letztere benötigt ihr, um bei Tammy Tumbler eure Knarren zu stärken.
Zwischen den Ermittlungen kehrt ihr meistens in euer Detektivbüro zurück. An der Pinnwand im Büro platziert ihr gefundene Hinweise, um den Weg in das nächste Gebiet freizuschalten. In der Nachbarschaft von Jacks Zuhause könnt ihr euch umsehen und mit allerlei Nebenfiguren quatschen. Tammy Tumbler ist eine davon. Bei der Bastlerin gebt ihr gefundenes Geld und Blaupausen ab. Jeder der Schmerzverteiler kann bis zu drei Mal bei Tammy verbessert werden. Dabei ändern sich das Aussehen und die Durchschlagskraft der Schießeisen. Obwohl man den Unterschied beim Spielen merkt, ändert es leider wenig am vorher angesprochenen Problem des fehlenden Treffer-Feedbacks. Wirklich schade. Die anderen NPCs in der Umgebung von Jacks Büro helfen mit Infos weiter oder verkaufen verbrauchbare Items wie Munition. Um andere Gebiete zu erreichen, nutzt Jack sein treues Auto. Auf einer isometrischen Karte tuckert ihr mit dem Oldtimer von einem Einsatzort zum anderen. Die ersten zwei Mal ist das noch knuffig, später ärgert ihr euch über die Schneckengeschwindigkeit eures Vehikels.
Einem Schnecken-Marathon gleicht auch die Story des Nager-Trips. Die Geschichte selbst ist dabei nicht mal das Problem. Die steckt voller unterhaltsamer Klischees und macht erwartbare Dinge, wenn man jemals einen Detektiv-Film gesehen hat. Nein, vielmehr das Pacing der Erzählung selbst ist dem Spiel im Weg. Zu viele erzwungene Dialoge und sinnloses Hin und Her fahren ziehen den Ablauf unnötig in die Länge. Bei einem RPG stört mich so etwas kaum, doch in einem rasanten Ego-Shooter möchte ich nicht durch viel zu lange Action-Pausen aus dem Flow gerissen werden. Gute Geschichten weiß ich auch in einem First-Person-Shooter zu schätzen, nur sollten sie mich nicht zu lange vom eigentlichen Kern des Spiels abhalten.
Der Kicker von "MOUSE: P.I." sollen die Bosskämpfe sein. Einige davon sind wirklich gut gestaltet und verlangen genaues Studieren ihrer Pattern, um die Stage-Bosse zu legen. Aber nicht alle davon haben die gleiche Qualität. Die Zweite-Wahl-Dümpel-Truppe lässt sich oft mit stupidem Rückwärtslaufen und draufhalten aus dem Weg räumen. Nicht unbedingt das, was man anspruchsvoll nennt. Auch die Gegnerschaft während den Ermittlungsausflügen zeugt nicht von Vielfalt. Schläger, Schützen, Bullies, Minimäuse und Schildträger stellen sich Mr. Pepper in den Weg. Das wars schon fast. Lediglich das Aussehen der Schießbudenfiguren ändert sich je nach Setting. Bei einer Story von gut zehn Stunden ist das zu wenig. Da helfen auch die Doom-ähnlichen Flugdämonen nicht mehr, die als nette Referenz im Höllen-Level auf euch warten.
Höllisch gut ist allerdings die feine Musik im Spiel. Fetziger Jazz, Electro-Swing oder hypnotische Ambient-Klänge untermalen die Reise durch Mouseburg. Kein einziger Musiktitel des Spiels wirkt deplaziert oder ist langweilig. Ein Großteil der Atmosphäre wird von den abwechslungsreichen Klängen des Soundtracks getragen. Die Schussgeräusche könnten zwar bei einigen Friedensbrechern wuchtiger sein, passen aber gut zum Setting von klassischem Noire.
Technisch ist "MOUSE: P.I. For Hire" auf der Nintendo Switch 2 recht solide. Ihr könnt zwischen einem Qualitäts- und einem Leistungs-Modus wechseln. Zweiterer bietet bei niedrigerer Auflösung eine Bildrate bis zu 120 Frames. Bis zu, weil nicht immer die volle Leistung abgerufen werden kann. Bei viel Spektakel auf dem Screen, kann es zu spürbaren Rucklern kommen. Auch im höher aufgelösten Qualitäts-Modus, bei 60 Frames, bleibt das Bild nicht immer stabil. Im Handheld-Modus treten diese Macken leider auch auf. Aber ich hatte den Eindruck, auf dem kleinen Bildschirm fällt das Zucken weniger auf. Achtung schlechter Wortwitz, ihr könnt das Spiel auch mit der MAUS steuern – Badumm Tsss! Die Joycon-Mausfunktion lässt sich hier alternativ nutzen. Persönlich finde ich die kleinen Joycons nicht wirklich geeignet, um lange Shooter-Sessions damit abzuhalten. Aber ich denke, das Feature ist für Spieler, die eine Maus bevorzugen, definitiv eine gute Sache.
-tl
"Mouse P.I. For Hire" lockt zunächst mit seiner zuckersüßen Optik. Der feine Look kaschiert aber nur bedingt das mittelmäßige Gameplay und den wenig abwechslungsreichen Ablauf des Spiels von Anfang bis zum Ende. Die verschiedenen Waffen machen Spaß, doch die vergeigte Trefferrückmeldung dämpft auch hier das Potential, das dem Spiel eigentlich innewohnen könnte. Auch die in die Länge gezogene Geschichte passt in ihrer Erzählweise nicht zu dem rasanten Gameplay des Titels. Die Folgen sind ein gebremster Spielfluss und zu lange Pausen zwischen dem eigentlichen Baller-Kern des Spiels. Der handgezeichnete Stil der Figuren gefällt mir grundsätzlich gut und sieht fantastisch aus. Leider kann das viele Gewackel des Rubber-Hose-Comic-Stils für ein überladenes Bild sorgen. In bestimmten Situationen schluckt der stark kontrastierte Stil wichtige Bildinformationen. Der Soundtrack von "Mouse P.I." ist hingegen große Klasse. Jazz, Swing und Ambient-Klänge sorgen für eine durchweg gute Atmosphäre. Nach großer Vorfreude auf den Shooter im Comic-Look, macht sich am Ende Ernüchterung in mir breit. Hier findet sich ein Spiel mit schönem Artstyle und toller Musik, das leider durch seine durchwachsenen Schießereien und seinem Mangel an Abwechslung viel von seinem Potential einbüßt. Im Indie-Sektor habe ich schon deutlich besseres Gunplay erleben dürfen, und gegen viele der Konkurrenten aus dem Bereich sind die Schießereien hier leider nur Mittelklasse. Deshalb ist "Mouse P.I. For Hire" für mich nicht der Edelkäse, den ich mir ursprünglich erhofft hatte.
-tl
Genre: Ego-Shooter
Developer: Fumi Games
Publisher: PlaySide
Schwierigkeitsgrad: einstellbar
UPE: 29,99€ (Physical geplant für Juli)
Spielzeit: Ca. 12 Stunden
USK: 16
Muster von: Selbst gekauft
Grafik:
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