Gut abgeschaut oder schlecht nachgemacht?
Evil Inside VR
Horror-Spiele und VR – eine Kombination, die eigentlich kaum schiefgehen kann. Während man klassische Horror-Titel bequem vom Sofa aus erlebt, steht man in der virtuellen Realität plötzlich selbst mitten im Geschehen. Jeder dunkle Flur wirkt bedrohlicher, jedes Geräusch lässt einen zusammenzucken und selbst der nächste vorsichtige Blick um die Ecke kann zur Nervenprobe werden. Für mich zählen die “Resident Evil“-VR-Titel zum besten, was ich in VR erleben durfte. Zum einen sind es vollwertige Spiele und nicht nur ein Happen für zwischendurch, zum anderen sind sie super umgesetzt, sprich Steuerung, Gameplay und Immersion passen wie die Faust aufs Auge. Entsprechend neugierig war ich auf “Evil Inside VR“, ein Horror-Abenteuer, das sich unverkennbar an dem legendären “P.T.”, der spielbaren Vorschau zum nie erschienenen “Silent Hills”, orientiert. Aber ist es mehr als eine simple Kopie oder kann es sogar die Erwartungen übertreffen? Lasst es uns herausfinden.
Die Geschichte dreht sich um einen jungen Mann, der nach dem Tod seiner Mutter versucht, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Mithilfe eines Ouija-Bretts setzt er jedoch Ereignisse in Gang, die so nicht im Ouija-Handbuch für Anfänger standen. Klingt zunächst nach einer soliden Grundlage ⤔ wenn auch nicht originell — für einen vernünftigen Horrortrip. Das große Problem dabei ist allerdings die Spielzeit. Bereits nach rund einer Stunde ist der Spuk vorbei. Dadurch bleibt kaum Zeit, um Charaktere, Story oder die eigentlichen Konflikte vernünftig aufzubauen. Gerade dann, wenn die Handlung beginnt, interessant zu werden, läuft bereits der Abspann über den Bildschirm. Die ohnehin recht überschaubare Geschichte bekommt kaum Raum, sich zu entfalten.
Spielerisch setzt “Evil Inside VR“ nahezu vollständig auf Erkundung und kleinere Rätsel. Ihr bewegt euch durch eine Wohnung, untersucht Gegenstände und löst Aufgaben, um den nächsten Abschnitt freizuschalten. Dabei springt euch die Inspiration durch “P.T.” förmlich ins Gesicht. Ein enger Flur, der dem des Originals fast eins zu eins nachempfunden ist. Plötzlich auftauchende Erscheinungen und eine generell sehr ähnliche Inszenierung erinnern permanent an die berühmte Horror-Demo von Hideo Kojima. Inspiration ist grundsätzlich nichts Schlechtes, doch “Evil Inside VR“ schafft es selten, etwas Eigenständiges daraus zu machen. Vielmehr wirkt es oft wie eine günstige Version eines Spiels, das nie seine Vollendung erreicht hat. Hinzu kommt, dass sich der Protagonist im Schneckentempo voran bewegt und wenn ein Event beispielsweise nicht getriggert wurde, dürft ihr gefühlt in Zeitlupe wieder zurück schlurfen.
Dabei gibt es durchaus Momente, in denen die virtuelle Realität ihre Stärken ausspielt. Wenn plötzlich ein Schatten hinter euch auftaucht oder sich im Augenwinkel etwas bewegt, funktioniert der Horror durchaus. Allerdings nutzt sich der Effekt schnell ab. Statt einer konstanten Spannungskurve, setzt das Spiel hauptsächlich auf kurze Jumpscares und bekannte Horror-Klischees. Wobei ich dem VR-Port zugute halten muss, dass die Schatten hervorragend umgesetzt wurden. Eure virtuellen Hände berühren Gegenstände realistisch und der besagte Schattenwurf von euch und den Objekten sieht äußerst beeindruckend aus.
Grafisch hinterlässt “Evil Inside VR“ ansonsten leider einen eher durchwachsenen Eindruck. Die Umgebung ist Mittel zum Zweck und wirkt oft steril und detailarm. Texturen erscheinen unscharf, Objekte besitzen wenig Feinheiten und insgesamt fehlt es dem Spiel an der Atmosphäre, die moderne VR-Horror-Titel eigentlich erzeugen können. Gerade weil man sich in VR deutlich intensiver in einer Spielwelt bewegt, fallen solche Schwächen stärker auf als auf einem normalen Bildschirm. Hier hätte ich mir mehr Liebe zum Detail gewünscht.
Die musikalische Untermalung erfüllt ihren Zweck und unterstützt das düstere Setting ausreichend. Große Highlights bleiben jedoch aus. Vieles bewegt sich im üblichen Genre-Rahmen aus unheilvollen Geräuschen, düsteren Klangteppichen und plötzlich einsetzenden Effekten. Das kann funktionieren, gewinnt aber Horror-Enthusiasten nur ein müdes Lächeln ab und bleibt kaum nachhaltig in Erinnerung.
-db
“Evil Inside VR“ sah auf den ersten Blick vielversprechend aus, aber bei einem Preis von 14,99€ erwarte ich mehr als eine Stunde schlecht abgeschaute Horror-Kost. Ich meine, da hat man sich ausgerechnet ein Spiel von so einem visionären Mastermind herausgesucht, das bereits seine Demo mit so viel Atmosphäre und Geheimnissen gefüllt hat, dass man einem solchen Vorbild kaum gerecht werden kann. Die wenigen gelungenen Schreckmomente reichen am Ende nicht aus, um die zahlreichen Schwächen aufzufangen. Die kurze Spielzeit, die kaum vorhandene Eigenständigkeit und die maue Präsentation sorgen dafür, dass “Evil Inside VR“ trotz ordentlicher VR-Umsetzung kaum über Mittelmaß hinauskommt. Schade, denn hier wurde viel Potenzial in einen Flur gesteckt, den wir vor zehn Jahren schon besser gesehen haben.
Einzig den Entwicklern des VR-Ports muss ich ein Lob aussprechen. Dafür, dass es ihr erstes VR-Projekt ist, haben sie wirklich gute Arbeit geleistet. Schade nur, dass das Hauptspiel selbst nicht viel mehr zu bieten hat. Wer auf der Suche nach einer kurzen VR-Horror-Erfahrung ist und sich von den offensichtlichen “P.T”.-Anleihen nicht stören lässt, darf auf einen Sale warten.
Euer Diego Battaglia aka Deku Man X
-db
Genre: Horror
Developer: Bowl of Tentacle(VR) / JanduSoft
Publisher: JanduSoft
Schwierigkeitsgrad: 2
UPE: 14,99 €
Spielzeit: ca. 1 Stunde
USK: 18
Muster von: JanduSoft
Grafik:
Spaß:
