Schatzjagd auf der Dauerbaustelle

Diablo IV: Lord of Hatred DLC

Klemmbrett, check! Schutzhelm und prüfender Blick, einsatzbereit! “Diablo IV” hat in den letzten drei Jahren eine Vielzahl an Umbauten durchgemacht. Das Entwicklerteam im Hintergrund ist seit dem 1.0-Release auf der Suche nach einer funktionierenden und motivierenden Loot-Spirale, welche uns Spieler langfristig an den Schatz-Grind fesseln soll. Season um Season sind neue Mechaniken, Balancing-Änderungen und neue Endgame-Aktivitäten dazu gekommen. Mit jedem weiteren DLC hat Blizzard neue Klassen und Lore-Schnipsel in den Vordergrund gestellt. Nicht immer haben sie dabei das nötige Fingerspitzengefühl bewiesen, das der Klassenprimus des Genres eigentlich innehaben müsste. Ein unbeständiges Auf und Ab seitens der Entwickler hat in den letzten Jahren für schwankendes Vertrauen aus der Community gesorgt. Mit dem “Lord of Hatred“-DLC geloben die Entwickler nun endlich Besserung – schon wieder. Ob deren neuer Konstruktionsplan dieses Mal das Spielgerüst stützt, finden wir hier zusammen heraus.

Neben einer umfangreichen Story-Fortsetzung und neuen Gebieten, sind zwei neue Klassen Teil des DLCs. Der Paladin und ein Hexenmeister gesellen sich zum bisherigen Grind-Personal hinzu. Während der Licht-Ritter schon als Shadow-Drop seit Season 11 gespielt werden darf (LoH-DLC musste vorab gekauft werden), ist der Dämonen bändigende Hexenmeister komplett neu im Trupp, um für frischen Wind zu sorgen. Für den Test habe ich beide neuen Klassen durch die komplette Kampagne (Hauptspiel, beide DLCs) ins Endgame gespielt.

Die zusätzlichen Akteure bringen natürlich auch ihre ganz eigenen Spielweisen mit. Mit dem Hexenmeister ist es sehr wichtig, sich gut zu positionieren und seine dämonischen Fähigkeiten klug zu platzieren, um seine niedrige Zähigkeit im Kampf auszugleichen. Ähnlich wie bei der Magierin geht hier große Angriffskraft mit einer gewissen “Zerbrechlichkeit“ einher. Das hektische Schlachtfeld zu lesen und die einzelne Fähigkeiten gezielt einzusetzen, ist hier der Kern dieses neuen Finsterlings. Das Bollwerk Paladin hingegen walzt wie ein Panzer auf seine Feinde los. Hohe Angriffskraft und eine starke Abwehr zeichnen den Lichtlümmel aus. Zunächst klingt das ziemlich drüber. Da der Leucht-Recke aber oft mitten im Getümmel steht, sollte im Verlauf des Grinds auf den Aufbau von genügend Resistenzen geachtet werden. Schwächen ausgleichen und Stärken der Spielfiguren auf ein gottgleiches Niveau anzuheben ist seit jeher das Fundament der “Diablo”-Reihe.

Um jene Attribute ins Unermessliche zu steigern, sind die vielen Mechaniken wichtig, die im Hintergrund von “Diablo IV” greifen. Mit “Lord of Hatred“ kommen allerdings nicht nur neue Ausbaumöglichkeiten dazu, auch das bisherige System von Loot-Erhalt und Crafting wurde komplett renoviert. Im Story-Modus bekommt ihr nun kontinuierlich brauchbare Beute. So habt ihr immer schön die Möhre der Progression vor Augen. Die wichtigen Mechaniken von “Diablo IV“öffnen sich jetzt sinnvoll Stück für Stück und erweitern so mit jedem Level-Aufstieg eure Mittel zur Macht. Bis zur neuen Level-Grenze 70 ist die Balance zwischen Fortschritt, Loot und Charakterausbau sehr ausgeglichen und motivierend. Startet ihr keinen Season-Charakter, sondern spielt im “Ewigen Realm“, dann werden euch eure hohen Paragon-Punktzahlen zum Verhängnis. Um höhere Weltstufen erreichen zu können, müsst ihr im Endgame in die Grube (Pit). Hier lauft ihr immer höhere Dungeons, damit ihr in die Qual-Stufen aufsteigen dürft. Da der Obelisk in Cerrigar während der Story gesperrt ist, seid ihr mit Paragon 300 im Story-Modus auf “Reumütig“ gefangen, bis ihr die Geschichte beendet habt. Die meisten Spieler starten oft direkt in die Season und skippen die Handlung komplett. Daher wird das die wenigsten stören. Aber das nicht zu Ende gedachte Balancing beim Verfolgen der Haupthandlung ist nicht sehr elegant. Vielleicht wird irgendwann, wie in “Diablo III", die Story auch auf allen Qual-Stufen spielbar sein. Bisher war ja des Rätsels Lösung, eine Menge Features des Vorgängers in den aktuellen Teil der Spielreihe zu packen.

Noch mehr Lösungen für euer Vergnügen bieten die frischen Ausbaumöglichkeiten für eure gottgleichen Gierlappen. Nicht nur haben endlich “Sets“ den Weg zurück in das Franchise geschafft, auch der “Horadrim-Würfel“ erlaubt es euch, tiefgreifende Baumaßnahmen in der Charakterentwicklung zu tätigen. Die Sets sind nicht mehr Teil der Rüstungen und Waffen, wie noch in “Diablo III. Als praktischer Talisman mit erweiterbaren Slots, kommt die Idee zurück. Setzt hier verschiedene Aufwertungen in Form von Talisman-Kernen und -Zaubern in die Fassungen. Es gibt hierbei natürlich auch die bekannten Seltenheitsstufen. Neu ist hier das strahlende Grün der Set-Zauber. Je nach Set benötigt ihr zwei oder mehrere Zauber des gleichen Sets, um die Set-Boni zu aktivieren (LOL, sag nochmal Set!). Das heißt, ihr müsst immer gut abwägen, welche Verbesserungen ihr in euren Talisman packt, um das Maximum an Werten für euch raus zu hohlen. Der Würfel der Horadrim hingegen ist ein Game-Changer. Seit Teil zwei der “Diablo”-Reihe, ist der kantige Baukasten ein starkes Relikt für Verbesserungen. Eine unüberschaubare Vielzahl an Rezepten stehen den Spielern hier zur Verfügung. Ihr wollt bessere Edelsteine, kein Problem. Auch Runen und Items lassen sich verbessern oder mit dem Würfel herstellen. Das geht so weit, dass sogar Aspekte von “Mythischen“ Items neu gerollt werden können. Alleine diese zwei neuen Mechaniken sorgen schon für Vielfalt und mehr Kontrolle beim Charakter-Build, aber das war noch nicht alles. Das “Härten“ der Items war bisher immer reine Glückssache. Viel Gold und Materialien sind der zufälligen Wertevergabe beim Craften zum Opfer gefallen, um das gewünschte Affix auf euer Item zu rollen. Nun dürft ihr die Affixe eurer Härtungen selbst wählen. Nur der Wert davon bleibt zufällig. Wie üblich habt ihr mehrere Versuche zum Härten. In meinen beiden Runs hatte ich selten schlechte Werte beim Härtevorgang gerollt. Das motiviert so deutlich mehr seinen Loot-Staubsauger auszubauen und bringt endlich, die von Fans lange gewünschte Build-Kontrolle ins Spiel. Noch mehr Kontrolle verschaffen euch die umgestalteten Skill-Bäume eurer Klassen. Absolut jeder davon wurde komplett umgekrempelt und völlig neu ausgerichtet. So erhaltet ihr quasi mehr als nur zwei neue Archetypen in eurer aktuellen “Diablo“-Riege.

Hier enden die Neuheiten auch noch immer nicht. Das Endgame wird in “Lord of Hatred“ ebenfalls erweitert. Sogenannte “Kriegspläne“ stehen nach Beendigung der zweiten DLC-Kampagne zur Auswahl. Hier stellt ihr euch einen mehrstufigen Ablauf von Aufgaben zusammen, um genau WAS zu tun – ja, zu looten! Hier sind die Herausforderungen recht unterschiedlich gestreut. Von Dungeon-Runs bis Boss-Kämpfen ist alles mit dabei, um eure Jagd nach dem perfekten Gear abwechslungsreicher zu gestalten. Auch hier ist der Zufall Teil der Aufgabenverteilung. Nicht immer kann man die Pläne effizient nutzen, da zwischendurch auch unerwünschte Herausforderungen in euren Abläufen auftauchen können. Gerade für das späte Endgame wäre hier die Option gut, seine Aufgaben für die Runs selbst wählen zu dürfen. So könntet ihr das Farmen gezielter planen und es würde nach hinten raus weniger Zeit fressen. Klar, der Grind gehört zur Marke. Aber mit all den vielen anderen Dingen, die im Spiel zu managen sind, ist es halt ein weiterer Faktor in puncto Zeitaufwand, der hier oben drauf kommt.

Im späten Endgame ergeben sich leider wieder ähnliche Probleme, die bisher schon Teil von “Diablo IV” gewesen sind. Die vielen neuen Ausbaumöglichkeiten, das neue Härten und die umgebauten Skill-Trees erlauben zunächst eine deutlich höhere Kontrolle im Charakter-Build als bisher. Am Ende ist es aber doch wieder stark vom Glück abhängig, ob ihr die Items mit den perfekten Werten findet oder nicht. Ihr farmt, wie vor dem neuen DLC, die immer gleichen Bosse, in der Hoffnung endlich den einen Drop zu erhalten, welcher für die Vollendung der hohen Klassen-Tiers nötig ist. Glück beim Looten gehört bei “Diablo” schon immer zur Formel und ist völlig legitim. Um das Glück ein wenig zu lenken, hätte ich folgende Idee: Das Trank-System ist seit dem neuen Update fast vollständig aus “Diablo IV” verschwunden. Würde man verschiedene Tränke herstellen können, zum Beispiel für höhere Chancen auf Magiefund oder für bestimmte Item-Kategorien, so würde der RNG-Faktor unberührt bleiben, aber man könnte gezielter beeinflussen, was man im Moment farmen möchte. So hätte eine tote Mechanik im Spiel wieder einen Nutzen und wäre in der Konstellation für mich der letzte Schliff, um das System motivierend abzurunden.

Zum Schluss möchte ich noch auf die Handlung und die Präsentation von “Lord of Hatred“ eingehen. Für Lore-Fans ist dieser neue DLC definitiv ein guter Deal. Im Vergleich zum Vorgänger-Add-on “Vessel of Hatred“ konzentriert sich die Geschichte deutlich mehr auf eine nachvollziehbare Dramaturgie und schöne Höhepunkte. Sogar Mythen über die Entstehung der Diablo-Spielwelt Sanktuario kommen ans Licht. Persönlich hat mich die Story sehr gut unterhalten. Aber als Fan der Lore lechze ich natürlich nach jedem Fetzen neuer Geschichte des Franchises. Optisch sehen die Inseln von Skovos umwerfend aus. Mediterranes Flair gepaart mit Dark-Fantasy-Einflüssen verpassen der Amazonen-Heimat ein für die Serie zunächst untypisches Ambiente. Sattes Grün und helles, warmes Licht werden allerdings mit fortlaufender Handlung wieder zum düsteren Loot-Trip mit viel Blut und Dämonen, wie man es gewohnt ist. Großartig finde ich die einzelnen Musik-Titel, welche die neuen Gebiete untermalen. Stimmungsvolle Hymnen, epische Fanfaren und entspannende Harfenklänge machen den Soundtrack von “Lord of Hatred“ zu einem packenden Erlebnis. Bisher ist die Musik der Reihe eher dafür bekannt, leise im Hintergrund Stimmung zu erzeugen. Hier jedoch peitschen einen heroische Melodien durch das Loot-Gewitter und das macht richtig Spaß. Mir war nicht klar, dass ich es brauche, bis ich es gehört habe. Viele der Spielmomente bekommen so nochmal den Schuss Extra-Epicness, den ich in einem “Diablo” zwar nicht vermisst habe, aber durchaus begrüße. Technisch läuft “Diablo IV” einwandfrei auf der Xbox Series X. Bis auf die typischen kleinen Server-Tücken habe ich überhaupt keine Probleme während meines Tests gehabt. Optisch ist die Reise durch Sanktuario definitiv ein Hingucker. Nach vielen Updates und Patches in all den Jahren läuft “Diablo IV” auf seiner eigentlichen Heimatkonsole sehr rund und sieht klasse aus.

-tl


SUPER

 Mit “Lord of Hatred“ hat “Diablo IV” quasi seinen “Reaper of Souls“-Moment des Vorgänger-Spiels. Beim dritten Teil der Loot-Suchtelei hat es ebenfalls um die drei Jahre gedauert, bis das Spiel einen motivierenden Spielablauf erhalten hat, den die Spieler auch genießen konnten. Das damalige DLC “Reaper of Souls“ hat die Loot-Spirale und das Endgame von “Diablo III” deutlich verbessert. Ähnliches erkenne ich jetzt hier, was mich ziemlich zufrieden stimmt. Das Endgame in “Diablo IV” ist zwar noch immer nicht perfekt, aber mit den vielen Umbauten im System ist es in einem sehr motivierenden Zustand. Die beiden neuen Klassen fügen sich ganz wunderbar in das Main-Game ein. Es macht auch mit dem finsteren Hexenmeister und seinem leuchtenden Kollegen, dem Paladin, Spaß die Handlung zu verfolgen. Die Lore des neuen DLC ist für Serien-Fans definitiv einen Blick wert. Während ihr den Geheimnissen von Skovos auf den Grund geht kommen noch die gut designten Bosskämpfe dazu. Je nach Schwierigkeitsgrad und Angriffsphase müsst ihr euer Geschick ganz schön unter Beweis stellen, um nicht von den dicken Loot-Spendern ins Jenseits befördert zu werden – gefällt mir. Optisch und technisch gibt es auch nichts zu meckern. Unterm Strich klingt das doch alles nach einer gelungenen Sanierung, oder? Im Großen und Ganzen sage ich: Ja! Einzelne, nicht ganz zu Ende gedachte Kleinigkeiten bremsen den Build-Fortschritt gerade wieder im so wichtigen, späten Endgame etwas aus. Insgesamt ist das neue Konzept aber auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung und sorgt bei “Diablo IV” für deutlich mehr Motivation, seinen Charakter in einen Loot-absorbierenden Gott zu verwandeln. Nach all den Jahren hat der vierte “Diablo”-Ableger große Teile seiner baulichen Schwächen in den Griff bekommen. Somit wird aus der Dauerbaustelle “Diablo IV” ein Spiel, welches endlich das macht, was sich Fans schon seit Langem wünschen.

-tl

System: Xbox Series auch auf Xbox One, PS5, PS5
Genre: Action-Rollenspiel, Hack’n Slash
Developer: Activision-Blizzard
Publisher: Microsoft
Schwierigkeitsgrad: einstellbar
UPE: 39,99 € (DLC)
Spielzeit: DLC mit beiden Klassen ca. 50 bis 100 Stunden
USK: 16
Muster von: Faktor 3

Grafik:
82%
Sound:
84%
Präsentation:
87%

Spiel-
Spaß:
86%
Werbung nervt!

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