Heiße Getränke für unterkühlte Herzen
Coffee Talk Tokyo
Visual Novels und erzählerische Spiele begleiten mich nun schon ein paar Jahre. Dabei müssen es nicht immer dramatische Wendungen oder spektakuläre Entscheidungen sein. Manchmal reicht schon eine gute Tasse Kaffee, um mich für mehrere Stunden an den Bildschirm zu fesseln. Genau das ist damals nicht nur dem ersten “Coffee Talk” gelungen, sondern auch “VA-11 Hall-A“ hat mich seinerzeit bis zum Ende gefesselt und gehört bis heute zu meinen liebsten Vertretern dieses Genres. Die Parallelen sind kaum von der Hand zu weisen: In beiden Spielen steht ihr hinter einer Bar, hört den Sorgen eurer Gäste zu und beeinflusst mit euren Getränken den Verlauf der Gespräche. Umso größer war meine Vorfreude natürlich auf “Coffee Talk Tokyo“, das die Reihe nun von Amerika nach Japan verlegt.
“Coffee Talk Tokyo“ bleibt dem Konzept treu. Statt großer Action oder spektakulärer Wendungen stehen erneut die Charaktere und ihre Geschichten im Mittelpunkt. Während euer Klientel in den ersten beiden Teilen aus klassischem Fabel-Getier wie beispielsweise Werwölfen, Elfen und anderen Fantasywesen bestehen, so habt ihr es in Tokyo mit heimischen Yokais sowie Kappas (Shildkrötenwesen) und Kitsunes (Fuchsgeister) zu tun. Während ihr verschiedene heiße und kalte Getränke zubereitet, entwickelt sich nach und nach eine ruhige, fast schon meditative Atmosphäre. Wer den ersten Teil mochte, wird sich hier sofort zu Hause fühlen.
Ihr habt die Aufgabe in den Gesprächen herauszuhören, was euer Gegenüber genau wünscht. Zu Beginn sind die Anweisungen noch recht klar, aber umso weiter ihr kommt, umso ungenauer werden die Beschreibungen. Hierbei hilft euch unter anderem euer Ingame-Smartphone. Hier könnt ihr auf der fiktiven Social-Media-Plattform “Tomodachill“ nach neuen ausgefallenen Rezepten Ausschau halten und euch ein Bild machen, was die neu gewonnenen Kunden so treiben. Außerdem steht euch noch eure Assistentin Vin zur Seite. Sie begleitet euch durchweg durch das Spiel und hilft euch, den Tag Revue passieren zu lassen, auch wenn sie mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat.
Beim Zubereiten der Getränke dürft ihr stets drei Zutaten in einer bestimmten Reihenfolge mischen, dadurch bekommt ihr verschiedene tolle Kaffee- und Tee-Kreationen zustande. Diese können dann später mit verschiedenen Utensilien dekoriert werden, damit ihr euch wie ein wahrlich professioneller Barista fühlt. Pro Abend habt ihr außerdem fünf Versuche, um schief gegangene Mischungen neu anzugehen. Wenn ihr eure Skills mal testen wollt, gibt es der aus den Vorgänger bekannten Endlos-Modus, hier müsst ihr unter Zeitdruck Bestellungen abarbeiten. Im “Free Brew“-Modus hingegen könnt ihr in aller Ruhe neue Rezepte ausprobieren und nach Herzenslust herumexperimentieren.
Optisch setzt das Spiel wieder auf den bekannten Pixellook. Die liebevoll gestalteten Hintergründe und Charakterporträts verleihen dem Café jede Menge Charme. Der zeitlose Anime-Stil ist nach wie vor ein Augenschmaus. Gerade die nächtliche Stimmung lädt dazu ein, einfach abzuschalten und den Geschichten zuzuhören. Große technische Sprünge braucht ihr hier nicht erwarten, das muss man angesichts der wunderschönen künstlerischen Ausrichtung aber auch gar nicht. Viel wichtiger ist die gemütliche Atmosphäre – und genau die trifft das Spiel wieder hervorragend.
Ein besonderes Lob verdient erneut der Soundtrack. Die entspannte Lo-Fi-Musik von Stamm-Komponist Andrew Jeremy begleitet die Gespräche perfekt und trägt einen großen Teil zur Stimmung bei. Schon der erste Teil überzeugte mit seinen ruhigen Klängen, und auch “Coffee Talk Tokyo“ bleibt dieser Linie treu. Die Musik drängt sich nie in den Vordergrund, schafft es aber jederzeit, eine angenehme Wohlfühlatmosphäre zu erzeugen. Gerade nach einem langen Arbeitstag kann das Spiel dadurch fast schon etwas Beruhigendes haben.
-db
Wie ihr sicher schon gemerkt habt, ist das hier nichts für die Action-Freunde und Grafik-Enthusiasten unter euch. “Coffee Talk Tokyo“ richtet sich vielmehr an Spieler, die sich gerne auf ruhige Dialoge und interessante Charaktere einlassen. Genau wie “VA-11 Hall-A“ lebt das Spiel von seinen Geschichten und seiner Atmosphäre. Besonderes Highlight ist die freie Gestaltung der Drinks, bei den Cappuccinos und Co. könnt ihr von Hand oder mit Schablone, tolle Muster auf eure Kreationen zaubern und so eine persönliche Note hinzufügen. Als Fan des ersten “Coffee Talk“ hat es mich sehr gefreut, noch einmal hinter dem Tresen zu stehen. Große Neuerungen scheint es zwar nicht zu geben, doch manchmal reicht es vollkommen, wenn das Spiel genau das liefert, was Fans erwarten. Und bei einer guten Tasse Kaffee sagt wohl niemand nein.
Euer Diego aka Deku Man X
-db
Genre: Visual Novel / Simulation
Developer: Toge Productions / Chorus Worldwide
Publisher: Chorus Worldwide
Schwierigkeitsgrad: 5
UPE: 14,99€
Spielzeit: ca. 8 bis 10 Stunden
USK: 0
Muster von: Toge Productions
Grafik:
Spaß:
