Flanke, Schuss und… Treffer?

Captain Tsubasa 2: World Fighters

Tsubasa Ozora, wer kennt ihn nicht, den sympathischen Kicker aus Nankatsu. Seit 45 Jahren sorgt die Reihe für Begeisterung bei den Fans. Persönlich bin ich auch großer Enthusiast der Saga um das gefleckte Leder mit all seinen Akteuren, und freue mich immer, wenn der Nankatsu-Goldjunge mit neuer Software um die Ecke kommt. Obwohl die Fußball-WM 2026 schon lange vorbei ist, schickt Publisher Bandai Namco seine Elf in die Nachspielzeit. Ob diese verspätete Flanke in den 16er doch zum Treffer wird, klären wir hier gemeinsam.

Vor ungefähr sechs Jahren hat “Captain Tsubasa – Rise of New Champions“ die Grundformel für diese Form des Action-Fußballs festgelegt. Hier habt ihr eine Mischung aus echtem Fussball-Spiel, aber mit der Möglichkeit in bestimmten Situationen die Spezialfähigkeiten der verschiedenen Spielern zu nutzen, um das Geschehen auf dem Rasen spektakulär zu beeinflussen. Stürmer glänzen mit ihren ikonischen Dribblings und Superschüssen, das Mittelfeld zaubert Flanken und Traumpässe und die Verteidigung packt Dampfwalzen und LKWs aus, um die Gegner am Tore schießen zu hindern. Während das Spiel aus 2020 noch mit sehr tiefen, aber umständlich zu bedienenden Menüs bei den Kunden für rauchende Köpfe gesorgt hat, zieht Entwickler Tamsoft hier die Reißleine. Sämtliche passiven Fähigkeiten von “Rise of New Champions“ gehören der Vergangenheit an. Anstatt sich durch eine Menge Zahlenwerte zu arbeiten, legt ihr im neuen Ableger der Reihe lediglich zwei Spezialfähigkeiten pro Kicker fest. Das sorgt im ersten Moment zwar für mehr Übersicht, dennoch nimmt es dem Spiel dadurch Tiefe, die ich durchaus zu schätzen gewusst habe. Der Vorteil ist, dass ihr so deutlich mehr Zeit auf dem Spielfeld verbringt, im Vergleich zum Erstling.

“Captain Tsubasa 2 – World Fighters“ bietet 110 spielbare Charaktere aus dem Franchise und diese bringen um die 150 neue Move-Animationen mit. Am Gameplay ist ebenfalls gefeilt worden, um das hölzerne Spielgeschehen des Vorgängers etwas abzurunden. Was der aktuellen Fußball-Ausflug wieder nicht bietet, ist ein fluides Spiel am Ball. Wer die Videospiele rund um den Tsubasa-Kosmos kennt, der weiß, dass diese Titel nie einfach nur Fußball sein dürfen. Jedes Mal werden teils umständliche Mechaniken entwickelt, um die Fähigkeiten der einzelnen Feldspieler spektakulär in Szene zu setzen. Dabei steht das Grundkonzept von Fußball meistens komplett im Hintergrund. Ob RPG, Taktik-Spiel oder ein quasi Echtzeit mit permanenten Unterbrechungen, alles wird so immer so ausgerichtet, damit die ikonischen Spezial-Attacken als Hauptattraktion über den Bildschirm flimmern dürfen. Nie steht das Ballspiel an sich wirklich im Vordergrund. Versteht mich nicht falsch. Ich liebe das Effekt-Gewitter genauso wie jeder andere Tsubasa-Fan. Aber was der Reihe wirklich einmal gut tun würde, wäre simples Action-Fußball, in dem die Super-Fähigkeiten der Figuren zwar vorkommen, aber das Kicken und Tore schießen mit all seinen zufälligen Momenten auf dem Feld im Vordergrund steht. Titel wie “Mario Smash Football“ oder “Sega Soccer Slam“ haben das vor über 20 Jahren schon besser gemacht. Was ich damit meine? Ich erkläre es euch.

Wie sein Vorgänger setzt “Captain Tsubasa 2“ auf ein Ausdauersystem für den Torwart. Das bedeutet, dass ihr nie direkt Tore schießen könnt, sondern erst, wenn der Keeper keine Puste mehr hat. Um seine Kondition zu schmälern, müsst ihr den Mann zwischen den Pfosten permanent unter Druck setzen. Das ist im Gameplay von “Rise of New Champions“ aus 2020, eine Tortur vor dem Herrn. Selbst die härtesten Superschüsse kann der Torwart mit geringer Ausdauer einfach aus der Luft pflücken. In den Final-Spielen ist sowas nur noch frustrierend. Mit guten Werten der Mannschaft kann man das Schützenfest vor dem 16er zwar ein klein wenig verkürzen, aber wie Fußball hat sich das Spektakel von 2020 nicht wirklich angefühlt. Um diesen Kritikpunkt zu beheben, führt Entwickler Tamsoft das Chain-System bei “Tsubasa 2“ ein. Die Nummer 1 im Tor hat immer noch Ausdauer, die dezimiert werden muss, um in den Genuss des Jubels zu kommen. Mit den Chains verstärkt ihr eure Angriffe auf das Tor und die Chance auf einen Treffer steigt dadurch exponentiell. Kombiniert ihr die verschiedenen Spezialfähigkeiten euer Elf, dann steigt vor dem Tor die Schusskraft und ein Treffer kann so auch mit fast voller Ausdauer-Leiste des Torhüters erzielt werden. Das ist definitiv eine Verbesserung dieser Mechanik, aber euer Torjubel hängt wieder einmal von der Mathematik im Hintergrund des Spiels ab, und nicht von eurem Geschick und gutem Timing allein. Das bedeutet, dass ihr permanent auf dem Spielfeld umher rennt, den Ball möglichst oft an eure Mitspieler abgebt, Spezial-Kräfte verkettet, damit ihr einen harten Schuss auf den gegnerischen Kasten fabrizieren könnt. Das hat mit Fussball ungefähr so viel zu tun, wie eine Kuh mit dem Legen von Eiern. Kein Stürmer würde bei freiem Schussfeld zurück nach hinten passen, damit sein Schuss stärker wird. Mir gefällt, dass hier versucht worden ist, das System etwas aufzuweichen, aber am Ende bremst es wieder nur den Spielfluss des Sports selbst aus. Nach all den verschiedenen Ansätzen von Tsubasa-Videospielen in den vielen Jahren, würde ich ein Spiel begrüßen, in dem nicht immer zwanghaft versucht wird, Super-Moves zum einzigen Merkmal der Marke zu machen. So müsst ihr euch gezielt feste Abläufe in euren Chains überlegen, und wenn eine gut funktioniert, dann gibt es auch kaum einen Grund mehr, den Spielablauf zu verändern. Das kann dazu führen, dass ihr in zehn Begegnungen hintereinander versucht, die immer gleiche Angriffs-Kette zu starten, weil diese im Strafraum den besten Abschluss garantiert. Das geht für mich immer noch am Thema des Sports vorbei.

Kein großes Thema ist der Umfang des Spiels. Ein ausgiebiger Story-Modus, der Multiplayer-Mode für Online- beziehungsweise Couch-Matches und ein Datenarchiv für Fan-Wissen sind im Startmenü zu finden. Mehr werdet ihr hier nicht finden. Das Herzstück von “World Fighters“ ist die Geschichte und die vielen Matches, die damit in Verbindung stehen. Im Story-Modus dürft ihr euch zunächst einen Charakter erstellen, der entweder Tsubasa auf seinem Weg zum Sieg begleitet oder selbst zum Protagonisten der Handlung wird. Egal wie ihr euch entscheidet, die Story wird nur aus leicht unterschiedlichen Perspektiven erzählt und euer Ziel als Mannschaft bleibt das Gleiche. Im Match-Menü wählt ihr die verfügbaren Begegnungen der Teams. Vor und nach den Matches finden wichtige Dialoge der Spieler statt und ihr dürft mit verschiedenen Gesprächs-Optionen in die Gedankenwelt der Team-Kameraden eintauchen. Die Präsentation hierbei ist leider nur als ausreichend zu bezeichnen. Kaum animierte Figuren in statisch wirkenden Hintergründen sind auch für Manga-Fans etwas zu nah am Standbild. In 2026 wäre da sicher mehr drin gewesen. Zumal der Vorgänger schon ähnliche Schwächen aufgezeigt hat. Ihr verfolgt hier Tsubasas Weg in Brasilien und seinen Traum, Fußballprofi zu werden. Fans dürfen sich dennoch über viele dramatische und Action-geladene Austragungen freuen, für die die Reihe bekannt ist.

Online dürft ihr euch natürlich auch mit anderen Spielern messen. Allerdings ist die Switch-Version hier nicht immer stabil. Obwohl ich den Titel mit der Switch 2 und festem Lan-Anschluss gespielt habe, hat sich die Verbindung manchmal als holprig erwiesen. Auf meiner Switch 1, mit USB-Adapter für Lan-Kabel, hat sich das Spektakel auch nicht besser bewährt. Ich vermute, auf den anderen Systemen wird dieser Umstand etwas besser sein. Möchtet ihr auf der Couch zusammen spielen, ist das auch kein Problem. Ein lokaler Multiplayer-Modus steht euch hier ebenfalls zur Wahl. Dieser macht im Ganzen was er soll.

Technisch muss der Switch-Spieler von heute leider einige Downgrades hinnehmen. Lediglich 30 Bilder pro Sekunden, mit reduzierter Auflösung und Effekten sind auf Nintendos Hybriden zu erleben. Selbst die niedrige Bildrate wird trotz der schmaleren Darstellung im Vergleich zu den anderen Systemen nicht immer gehalten. Stotterer bei Kameraschwenks und Ruckler auf dem Spielfeld machen einem klar, dass dieser Titel nicht gut für die Switch angepasst worden ist. Das Fehlen einer Switch-2-Version ist mir ebenfalls ein Rätsel. Die Leistung der neueren Hardware hätte dem Spiel hier ungemein geholfen. So bleibt ein grafisch altbackenes Spiel mit unsauberer Performance übrig, das mit etwas mehr Optimierung bestimmt besser möglich gewesen wäre.

-tl


NAJA

 Als Fan des Tsubasa-Franchises bin ich bei diesem Titel extrem zwiegespalten. Einerseits freue ich mich darüber, dass wir im Jahre 2026 immer noch Software mit dem Ballkünstler aus Nankatsu bekommen. Aber andererseits finde ich es schade, dass bis heute kein Entwickler begreift, was der Serie gut tun würde. Einfach ein Action-Fußballspiel, in dem die Superschüsse zwar vorkommen, aber der Fußball als solches im Vordergrund steht. Stattdessen bekommen wir hier wieder ein animiertes Kino für Fans, in dem strikt eine Formel verfolgt werden muss, um in den Genuss des Torjubels zu gelangen. Technisch macht “World Fighters“ auf der Switch keine überragende Figur. Eine verminderte Bildrate, abgespeckte Grafik und holpriges Online-Play sind nicht unbedingt das, was sich der moderne Tsubasa-Fan wünscht. Deshalb ist das Fehlen einer Switch-2-Version für mich absolut unverständlich. Obwohl sich das Spielgefühl zum Vorgänger deutlich entwickelt hat, wird diese Verbesserung von der schwachen Umsetzung auf die Switch 1 ausgebremst. Ich hoffe, Tamsoft bessert hier noch nach und beseitigt die unliebsamen technischen Macken. Gerne würde ich euch den Titel empfehlen. Selbst für Fans der Reihe wird es schwer, in 2026 das absolute Minimum an Lizenzspiel für diesen Preis zu akzeptieren. Mir ist klar, dass Tsubasa nicht die Zugkraft von anderen Marken hat. Aber etwas mehr als bessere Playstation-2-Grafik in statischen Hintergründen, sollten auch Freunde des animierten Leders erwarten dürfen. Für mich ist der neuste Ausflug von Tsubasa und Co. leider nicht der erhoffte Treffer in der Nachspielzeit, den ich eigentlich von dieser Fortsetzung erwartet habe.

-tl

System: Switch auch auf PS5, Xbox Series X
Genre: Action-Fußball
Developer: Tamsoft
Publisher: Bandai Namco
Schwierigkeitsgrad: 5
UPE: ab 59,99€ physisch und digital
Spielzeit: ca. 60 Stunden
USK: 6
Muster von: Bandai Namco

Grafik:
45%
Sound:
80%
Motivation:
55%

Spiel-
Spaß:
48%
Werbung nervt!

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