Neonlicht am Samstagmorgen

Atomic Owl

Nostalgie ist etwas Wunderbares. Zumindest wird uns Spielern das seit Jahren so verkauft. Neonfarben, Synthesizer-Klänge, Robotiere und möglichst so viele ‘weißt du noch‘-Momente wie möglich, sollen die Zielgruppe alle paar Minuten an die guten alten Tage der Kindheit erinnern. In meiner Jugend gab es zwar kein Neonlicht auf den Straßen und kybernetische Flora und Fauna konnte ich in unserer Nachbarschaft auch nirgends ausmachen, aber an irgendwas von früher sollen mich all diese Spiele halt die ganze Zeit denken lassen. Das US-Indie-Studio Monster Theater hat sich hier die Schablone eines Samstagmorgen-Cartoons als Trigger für unsere Nostalgie-Drüse ausgesucht. Ob das bunte 2D-Action-Roguelite damit auch punkten kann, lasse ich euch hier gerne wissen.

Eines kann ich "Atomic Owl“ schon mal nicht vorwerfen, und zwar, dass man versucht, sich mit fremden Federn zu schmücken. Während viele dieser Neon-Games sich permanent an Referenzen der vergangenen Popkultur bedienen, um unsere heiß geliebte Nostalgie zu melken, setzt dieser Indie-Titel auf eine eigene Identität. Na ja, zumindest was die Geschichte des Spiels angeht. Prinz Hidalgo ist der Anführer einer Friedenstruppe namens Bladewings, die im Land als ziemlich stark gilt. Der finstere Krähen-Magier Omega Wing verzaubert die Gefährten des Prinzen und sie werden kurzerhand zu seinen Gegnern. Nach zwei Jahren in Gefangenschaft gelingt dem royalen Spross mit Hilfe seines verfluchten Schwertes die Flucht. Eure Aufgabe ist es nun, die ehemaligen Freunde zu bekämpfen und Omega Wing den Garaus zu machen. Das klingt genau nach dem, was mein zehnjähriges Ich mit einer Schüssel Cornflakes am frühen Morgen des Samstags gerne gesehen hätte. Es ist jetzt nicht wirklich deep, aber mich freut es immer, wenn Entwickler eine eigene kleine Retro-Vision haben und nicht nur billig kopieren.

Wo “Atomic Owl“ offensichtlich kopiert hat, ist beim Gameplay. Eine Mischung aus “Katana Zero“ und “Celeste“ erwartet euch hier im Neon-Eulen-Trip. Das heißt: Punktgenaues Platforming, gemischt mit rasanten Kämpfen in 2D, gezieltem Ausweichen und dem Parieren von Projektilen. Das ist die Würze, welche uns die Prinzen-Quest schmackhaft machen soll. Verschiedene Konzepte greifen hier eklektisch ineinander und versprechen zunächst viel Spaß.

Bevor ich auf die Mechaniken von “Atomic Owl“ eingehe, möchte ich vorher noch die zwei wählbaren Spielmodi ansprechen. Zunächst gibt es den gewohnten Roguelite-Loop. Mit jedem Run sammelt ihr Ressourcen, sogenanntes Mezma, um permanente Upgrades freizuschalten, die Hidalgo stärker machen. Sterbt ihr, geht der Spaß komplett von Anfang an los und nur gekaufte Fähigkeiten dürfen behalten werden. Acht Levels mit Bossen dazwischen müsst ihr ohne Tod schaffen, dann geht es zum Obermotz Omega Wing. Soweit, so bekannt. Der zweite Modus möchte das Spiel in ein klassisches 2D-Action-Game verwandeln. Hier bekommt ihr Upgrades zwar auch zufällig, dennoch sind sie öfter auffindbar und stärken unseren gefiederten Helden zusätzlich zu den erworbenen Verbesserungen. Wenn ihr in dieser Spielvariante mit Hidalgo das Zeitliche segnet, müsst ihr auch nicht von vorne starten. Allerdings beginnt ihr immer am Anfang des Levels, in dem ihr euch gerade befindet. Das Mega-Man-ähnliche Indie-Spiel “30XX“ hat einen vergleichbaren Ansatz verfolgt. Für Fans des blauen Bombers gibt es einen Modus mit acht wählbaren Stages und dazugehörigen Bossen. Für die Langzeitmotivation sorgt dort der Roguelite-Modus, um immer weiter an seinen Skills zu feilen. Solche Wahlmöglichkeiten in sein Spiel einzubauen ist grundsätzlich eine gute Idee, vor allem, um auch Nicht-Roguelite-Spieler an das Genre heranzuführen. Sowas sollten gerne mehr Games aus der Kategorie machen. Damit würden viele Genre-Muffel eher einen Blick riskieren.

Wir schauen uns jetzt erst mal die Spielmechanik unserer in Neon getränkten Reise genauer an. Des Prinzen Fähigkeiten umfassen wie folgt: Doppelsprung und ein Dash mit I-Frames (kurzzeitige Unverwundbarkeit), welcher auch in der Luft ausgeführt werden darf. Wandsprünge im Ninja-Stil hat das adlige Federvieh auch im Gepäck. Zur Verteidigung zieht Hidalgo sein verfluchtes Schwert namens Mezameta. Die Klinge ist vielseitig und kann verschiedene Formen annehmen. In Katana, Hammer, Peitsche und Zweihänder ist die sinistre Schneide wandelbar. Zusätzlich darf das Eulenhaupt mit kleinen Sicheln werfen, die ihr Ziel automatisch verfolgen. Die sind zeitlich begrenzt, der Cool-Down regeneriert sich automatisch, damit ihr schnell wieder darauf zurückgreifen könnt. Nachdem ihr euren ersten Boss, einen der ehemaligen Prinzen-Gefährten, besiegt habt, erlaubt euch dessen Seele Hidalgos Gestalt zu verändern. Mit der Seelenkraft verwandelt sich das royale Gefieder in eine dunkle Void-Krähe. Dieser Biest-Modus gibt euch Kraft, Zähigkeit und ein völlig neues Moveset. Schlagt damit auch dicke Brocken in Sekunden zu Brei. Das rundet die Kämpfe im Spiel ein wenig ab und sorgt für Abwechslung — gefällt mir. Bis hierhin klingt “Atomic Owl“ wie ein gelungenes Spiel mit coolen Kniffen, das ich gerne weiterempfehlen würde. Aber hier gibt es einige Probleme, die das ganze Konzept ins Wanken bringen.

Fangen wir mit der Steuerung an. Zunächst wirken die Bewegungen des Prinzen sehr geschmeidig und responsiv. Der Teufel liegt hier allerdings im Detail. Um schnelleres Vorankommen zu ermöglichen, haben die Entwickler dem Eulenmann eine automatische Kantenkletter-Funktion verpasst. Das Problem dabei ist, dass die Funktion oft ganz von selbst greift, wenn ihr nur in die Nähe einer Kante kommt. Auf schmalen Plattformen punktgenau zu landen, wird so zum Fummel-Spiel. Müsst ihr euch dann noch gegen Feinde wehren und Projektilen ausweichen, entstehen dadurch unfaire Momente, in denen klar ist, dass dieses Feature keinen Sinn ergibt. Noch so ein Unding ist die Tatsache, dass wenn Hidalgo angreift, er automatisch abgebremst wird. Egal ob in der Luft oder am Boden, der Eulen-Prinz wird zu einer lahmen Ente. 2D-Action-Spiele leben davon, zwischen Bewegung und Angriff ein gewisses Momentum aufzubauen, damit Hindernisse und Feinde mit dem richtigen Timing bewältigt werden können. “Atomic Owl“ macht hier genau das Gegenteil. Jedes Mal wenn ihr angreift, bremst einen die Aktion, die einem eigentlich einen Vorteil verschaffen sollte. Nach einiger Zeit habe ich mich an die Merkwürdigkeiten gewöhnt, aber eine optimale Steuerung für ein Roguelite dieser Art sieht anders aus. Vor allem weil zum Ende hin der Schwierigkeitsgrad deutlich ansteigt. Wegen der lästigen Kanten-Fummelei bin ich öfter in die Bredouille geraten, als es nötig gewesen wäre.

Ein weiteres Problem betrifft die Art-Direction des bunten Feder-Trips. Oberflächlich betrachtet sehen wir hier ein wunderschön gepixeltes Design, mit atmosphärischen Farben, starken Kontrasten und ganz viel Zuckerguss, der uns an frühere Zeiten erinnern soll. Und genau da liegt bei mir die Eule begraben. Damit Pixel-Modelle und Hintergründe harmonisch wirken, müssen sie gleich groß in einem gleichmäßigen Raster platziert sein. Früher war das Standard, aber heutzutage achten viele Entwickler nicht mehr darauf. Hauptsache, es sieht irgendwie nach Retro aus, auch wenn es nicht authentisch ist. Gezoomte Modelle oder auch nur schräg gestellte Bäume im Hintergrund beißen sich so enorm mit der Gleichmäßigkeit des ursprünglichen Rasters. Rotierende Pixel sind auch so ein Ding. Früher hat man Drehungen und Aktionen aufwändig Frame für Frame modelliert. Heute gibt man dem Pixel-Objekt den Befehl “Drehung” und schon hat man sich Arbeit gespart. Drehende Pixel gab es früher einfach nicht. Sie verpassen also dem sehr schön gezeichneten Look des Spiels eine optische Abwertung, die mit etwas mehr Liebe zum Detail umgangen hätte werden können. Einige von euch mag das nicht stören. Persönlich bin ich allerdings genau in der Zeit aufgewachsen, die mir das Team von Monster Theater hier verkaufen möchte. Und das sah damals einfach nicht so aus. Erwähnen möchte ich auch, dass das HUD des Spiels euren Hauptcharakter komplett verdecken kann. Zoomt das Bild beispielsweise in einem Arena-Kampf und ihr befindet euch links unten im Bild, dann verdeckt eure Energieleiste das Geschehen und ihr müsst raten, was dahinter passiert. Überall in den Levels stehen NPCs herum, mit denen ihr sprechen könnt. Macht das bloß nicht, wenn Feinde in der Nähe sind. Die Textboxen der Passanten sind nicht selten große Sichtbehinderungen, wenn es beim Kämpfen heiß her geht.

Selten, aber nicht unbedeutend ist der Umstand, dass “Atomic Owl“ nur einen Speicherplatz besitzt. Startet ihr ein neues Spiel, wird alles andere gelöscht. Für meinen Test war das ärgerlich. So musste ich meinen Fortschritt des einen Modus opfern, um den anderen testen zu können. Auch für den Endverbraucher ist sowas ärgerlich. Wieso muss ich Daten löschen, um einen klaren Teil des Spiels im Nachhinein spielen zu können? Wenigstens drei Speicherplätze sollten im Jahr 2026 kein Problem mehr sein.

Ein großes Lob geht dafür an den Soundtrack des Spiels. Die beiden talentierten Künstler XENNON und SHIBUYA 64 spendieren dem gefiederten Kämpfer starke Klänge für sein Vorhaben. Von Synthwave über Chiptune bis hin zu Drum'n'Bass peitschen einen die fetzigen Tracks durch die einzelnen Areale. Allein der Musik ist es zu verdanken, dass ich hin und wieder in einen richtigen Flow beim Spielen geraten bin. Leider reißen einen die Tücken der Steuerung da schnell wieder raus. Dennoch ist die musikalische Begleitung von “Atomic Owl“ absolut top.

-tl


NAJA

 Wie gerne hätte ich in der süßen Nostalgie gebadet. Leider vermiesen mir eine inkonsequente Steuerung und dadurch unnötig unfaire Momente im Spiel den Spaß an der eigentlich guten Spielidee. Die Kämpfe und das Movement von Prinz Hidalgo sind im Kern gut gedacht. Nur bremsen die nicht zu Ende gefeilten Mechaniken das Konzept von Schnelligkeit und Kontrolle ziemlich aus. Man kann sich an die Merkwürdigkeiten des Spiels gewöhnen und durchaus Erfolg haben. Aber wie auch der verzerrte Pixel-Look mit seinen Zooms und Drehungen, will auch die unsaubere Steuerung nicht so recht ins Bild passen. Für einen anspruchsvollen Platformer dieser Art ist das schon ein arger Schnitzer. Ein Erlebnis sind allerdings die feinen Musiktitel in “Atomic Owl“. Hätte der Rest des Spiels die gleiche Hingabe bekommen, dann hätten wir hier einen Titel, der die Qualitäten vergangener Tage besser in Szene setzt, als nur mit Hilfe des vielen Neonlichts.

-tl

System: Switch auch auf PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series
Genre: 2D-Action-Roguelite
Developer: Monster Theater
Publisher: Eastasiasoft
Schwierigkeitsgrad: fordernd bis unfair
UPE: 12,99€
Spielzeit: Ca. 8-10 Stunden
USK: 16
Muster von: Lambsmith PR

Grafik:
55%
Sound:
85%
Motivation:
51%

Spiel-
Spaß:
53%
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