Edward mit den Scherenhänden ist zurück!
Assassin’s Creed Black Flag Resynched
Wir meckern ja gern über die Ubisoft-Formel — aber sie hatte auch Sternstunden. Eine davon ist zweifelsfrei “Assassin’s Creed Black Flag”, das große Piraten-Abenteuer. Perlweiße Strände, bunte Korallenriffe und leuchtende Sonne, manchmal macht es einfach das Setting. Hey, könntet ihr euch “Out Run” im Regen auf tristen deutschen Autobahnen vorstellen?
Es beginnt, wie jeder moderne “Assassin’s Creed”-Teil: Mit einer spektakulären Schlacht, die spektakulär verloren wird. Ich nenne so etwas gern “Verlierkampf”. Diesmal ist es eine Seeschlacht. Obwohl die halbe Besatzung tot ist, können die Mannschaften noch alle zwei Sekunden eine Breitseite abfeuern — jaja, Videospiel-Logik. Dennoch geht das Schiff zum Teufel und Edward rettet sich an den Strand.
Nun folgt eine der kontroversesten Szenen der Serien-Historie. Edward schmeißt sich in die Montur eines toten Assassinen und ist dann dieser Typ, ohne Training und ohne Vorbereitung. Einerseits verstehe ich die Kritik der Fans. Man will einen ‘richtigen’ Assassinen steuern, jemand mit Hintergrund, mit Motivation, mit Credo. Auf der Meta-Ebene mag ich die Szene aber total. Ist es nicht das, was wir tun, wenn wir ein Spiel spielen? Schlüpfen wir nicht auch in den Overall von Mario, sind dann ein Klempner und können meterhoch springen? Werden wir nicht auch ein Frosch, wenn er den Frosch-Anzug findet? Und als jemand, der als Kind Hornblower gelesen hat, stören mich die Schnellfeuerkanonen weit mehr.
Edward ist jetzt eben Duncan und ich bin Duncan-Edward. Schauen wir uns lieber die Umgebung an. Natürlich ist heute alles satter, üppiger, detaillierter. Die Dschungel-Vegetation wirkt organischer, wilder. Das zwölf Jahre alte Original hatte aber auch noch einen leichten Comic-Touch, den ich heute vermisse. Besonders das Meer und das Grün der Vegetation haben mehr geleuchtet und gestrahlt, zudem waren die Farben flächiger. Das hier ist eher ein Predator-Dschungel als ein “Donkey Kong”-Urwald. Dark und gritty ist jetzt doch irgendwie da.
Dafür hat die Steuerung einen gewaltigen Sprung gemacht. “Assassin’s Creed” war immer irgendwie ungelenk und ungenau. Jetzt habe ich Edward deutlich besser im Griff. Achtet mal darauf wenn ihr ein älteres Spiel mit Twinstick-Steuerung zockt. Die Abfrage der Analogsticks ist mit den Jahren immer präziser geworden, unmerklich für uns Spieler. Ihr merkt es nur, wenn ihr mit alten Spielen vergleicht — oder wenn eine Stick-Steuerung mal spektakulär verkackt wird, wie etwa bei “The Witcher 3”.
Als ich nach Havanna komme, merke ich, was das neue Grafikgerüst kann. Die Metropole sprudelt vor Lebendigkeit, vor Dreck und Verkommenheit, aber auch vor Lebensfreude. Tausend Stimmen klingen durcheinander, deutsch, englisch, spanisch, portugiesisch. Die Stadt wirkt endlich wie eine Stadt, nicht wie ein “Minecraft”-Baukasten mit deutlich markierten Kletterflächen.
Im Gegensatz zum schleichlastigen “Shadows” kann ich viele Situationen mit Gewalt lösen. Sorry Thorsten aber schleichen kann ich immer noch nicht. Und das Kampfsystem ist herrlich! Wie Batman pariert Edward auf Knopfdruck Schläge aus allen Richtungen. Diese kündigen sich sichtbar an und die Engine gönnt mir ein großzügiges Eingabefenster. Edwards eigene Schläge sind wuchtig — wenn auch nicht “Dark Souls”-wuchtig und er darf regelmäßig mächtige Finisher abfeuern. Wenn ich bei einer toten Wache noch was aufsammeln kann, leuchtet sie deutlich und das Einsacken geht ohne Verzögerung, sogar mitten im Kampf. Das ist Freiheit!
Auch in der Karibik regiert der allmächtige Kapitalismus und so gibt es auch in diesem AC-Teil kosmetische Items gegen Echtgeld zu kaufen. Kostete ein Themen-Bundle vor zwölf Jahren noch schmale 2,99, so sind es jetzt knappe zehn — jeweils noch unterteilt in Montur-Pakete und Schiffs-Pakete. Und es gibt im Hauptspiel eine freche Einblendung, die mich darauf hinweist. Es waren nicht der Rum und die Musketen, die die Karibik eroberten, es war die Pferderüstung.
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Hätte es dieses Remake gebraucht? Nein, nun wirklich nicht. Wollte ich es haben? Aber hallo! Allein um nochmal durch die Karibik zu segeln, mit allem modernen Glamping-Komfort. Um nochmal die Platin-Trophäe zu grinden, Seemanns-Shanties zu hören und meinem verlorenen Ich von vor zwölf Jahren nachzutrauern. Es ist ein kleiner Zeitsprung, eine kleine Flucht, ein kleiner Urlaub. Darf ich mich jetzt eigentlich vergleichender Games-Wissenschaftler nennen?
Auch abseits all der Gefühligkeit haben wir es hier mit dem derzeit schönsten und freiesten “Assassin’s Creed” zu tun. Segeln, kämpfen, erkunden, hier dürft ihr alles. Ein Spielplatz mit etwas Story, der jetzt unverschämt gut aussieht und sich butterweich steuern lässt und vor Atmosphäre überquillt. Jetzt aber Piraten Ho und die Platin erobert! Der nervige Mehrspielermodus, den damals keiner so recht wollte, wurde Poseidon sei dank entsorgt.
-mn
Genre: Stealth-Action-Piraterie
Developer: Ubisoft Singapore
Publisher: Ubisoft
Schwierigkeitsgrad: 3-4
UPE: 59,99 € oder 69,99 € für die Deluxe-Version
Spielzeit: 40 bis 80 Stunden
USK: 16
Muster von: Ubisoft
Grafik:
Spaß:
