Liebesgrüße aus Dänemark

007: First Light

Geschüttelt, gerührt und zuweilen gearscht.

So fühlte man sich als Bond-Fan in den letzten paar Jahren.

Nachdem Daniel Craig mit umgeschnalltem Plüschtier im Angesicht feuriger Abschiedsgrüße seinen letzten Martini geschlürft hatte, ging es hinter den Kulissen erst so richtig los.

Die Lizenz zum Gelddrucken bekam nun Amazon und seitdem geistern mal weniger mal mehr gehaltvolle Informationen durchs Netz. Wir wissen nun, dass Denis Villeneuve Regie führt und dass der nächste Bond jünger sein soll, aber das wars dann auch schon.

Bei unserem liebsten Hobby sieht das allerdings ein bisschen anders aus. Nach vielen guten Bond Spielen der Brosnan-Ära sowie ein paar passablen aus der Craig-Dienstzeit, haben wenigstens Controller-Agenten und Couch-Killer wieder einen Hoffnungsträger.

Dieser heißt Patrick Gibson, ist 26 Jahre jung und verkörpert James Bond in IO Interactives neuem und ersten Spiel, nachdem das Team jahrelang Spiele rund um die stoische Killer-Glatze Agent 47 entwickelt hat.

Agentenzeugs können die Dänen also und so blieb es spannend, was sie aus der Lizenz machen und ob uns 14 Jahre nach dem unterirdischen 007 Legends nun endlich mal wieder ein gutes Bondspiel erwartet.

Unser junger Bond ist zu Beginn des Spiels noch ein unerfahrener Soldat der Royal Navy und generiert während der Intro-Mission die Art von Aufmerksamkeit beim MI-6, da er folgende Kernkompetenzen mitbringt, die einen heutzutage auch in die Redaktionen von Videospielmagazinen bringen:

Große Fresse, Autoritätsproblem und Wagemut.

Ruckzuck wird der junge Bond von M für das Doppelnullprogramm akquiriert und findet sich in einer der kurzweiligsten Tutorialmissionen wieder, die ich seit langem gespielt habe.

Dort lernt Bond nicht nur neue Kameraden und einen extrem mies gelaunten Mentoren kennen, sondern bekommt auch das Handwerkszeug mit, das halt ein junger Spion so braucht, wenn er international die Kohlen aus dem Feuer holen soll.

Nach Russen und Koreanern haben wir Gamer ja mittlerweile mit KI´s dankbare Bösewichter und wenn wir auch offensichtlich trotz James Camerons Meisterwerk von ´84 nicht geschnallt haben, wie die Nummer für die Menschheit ausgeht, sind wir ja alle grad ganz wuschig auf KI.

Und da uns auch dieses Spiel vergeblich warnen möchte, haben wir mit THEA auch hier eine Obermotz-KI, der jeder Depp im Anzug sogar seine Tea-Time-Darlings anvertrauen würde und natürlich sterben wieder Menschen und noch mehr Menschen werden bedroht, nur weil weitere Deppen im Anzug einfach nicht den Stecker ziehen.

“First Light” ist auf den ersten Blick kein ruhiger, schaler Drink, sondern ein wilder Cocktail aus verschiedenen Gameplay-Elementen. Da hätten wir zum Beispiel das von IO ganz heiß beworbene Social Engineering. Unser Azubi-Spion kann in den Missionen Wachen in Gesprächen das Ohr abkauen, sie dreist anlügen, bluffen oder sich stellen, nur um sie bei Bedarf zu vermöbeln.

Das Feature ist eine schöne Abwechslung zum Schleichen, aber bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Wer immer schön Bond-Punkte sammelt, hat genügend, um Wachen zu bluffen und hier macht sich leider auch die….äääähm…KI wieder bemerkbar.

Wenn ich so wie der junge Bonds in meinen wilden Zeiten Mitte der 90er in diverse Clubs in Stuttgart reingekommen wäre, dann hätte ich Geld, Nerven und diverse Körperflüssigkeiten gespart. Stellt euch vor, der Türsteher macht seine „Du kommst hier nicht rein“ Nummer, weil ihr die Eintrittskarte nicht vorweisen könnt. Ihr verpasst irgendeinem Typen neben euch dann natürlich einen “Übelkeits"-Dart”, so dass dieser die Kotzeritis bekommt. Dann zieht ihr dem armen Kerl vor den Augen des ach-so-wachsamen Türstehers die Eintrittskarte aus dem Sakko, nur um es feist grinsend dem Türsteher unter die Nase zu halten, der euch dann natürlich gleich in den Club lässt.

Ääähm. Ja.

Das klappt heute vielleicht noch auf dem Land in der Resterampe-Dorfdisko, wo es darum geht, Foxtrott tanzende Eumel abzuschleppen, aber in einem Bond-Spiel von IO Interactive erwarte ich dann doch ein bisschen mehr.

“Ja, dann zück halt die PPK und baller dich in den Club!“

Ja, ich spür’ wie ihr denkt. Aber im Gegensatz zu Agent 47 wird 00 Milchbubi vorgegeben, wann er sein Schießeisen einsetzen darf und wann nicht. Niemand bei Amazon will einen Amokläufer, der von bekifften, hysterisch kichernden Couch-Potatoes durch die Level gelenkt wird und somit ist es am virtuellen Regisseur, wann ihr schießen dürft und wann nicht.

Wenn dieser Regisseur dann aber “Uuund, Action!“ schreit, geht es ab und somit kommen wir zum nächsten Element: den Schießereien.

Hier kommen natürlich sofort Erinnerungen an einen gewissen einstigen Helden der Playstation auf, denn genau wie Nathan Drake könnt ihr euch die Action vorstellen. Bond hechtet von Deckung zu Deckung, sammelt verschiedene Waffen auf und während um ihn herum die Kugeln schwirren, hat er natürlich einen lässigen Spruch auf den Lippen.

Ja, er war schon als Kind so.

Natürlich fliegt jede Menge in die Luft und Bond gerät auch in die spektakulärsten Szenen wie auf einem Rollfeld samt startenden Flugzeug oder bei einem Schachturnier (!).

Auch dabei stellen sich die KI-Schergen jetzt nicht unbedingt so an, als wären sie erfahrene Angehörige eines Sicherheitsdienstes, Söldner usw.. Aqber da will ich mal nicht meckern, weil in den Filmen die Bösewichter auch wie Moorhühner vor Bonds Knarre hüpfen.

Was aber dann auch wieder Spaß macht, sind die filmreifen Prügeleien, da Bond im Infight dann auch seine Umgebung mit einbezieht und ähnlich Batmans “Arkham”-Games ein spaßiges, wenn auch etwas holpriges Kampfsystem bietet.

Gelegentlich darf der junge MI-6-Schnulli natürlich auch Fahrzeuge bedienen. Hier war ich tatsächlich am meisten vom Spiel enttäuscht.

Erinnert ihr euch an die wirklich guten Bond-Games Marke “Nightfire” rund um Pierce Brosnan, die mit eigener Story aufwarteten und echt Spaß machten? Da gab es immer wieder echt gute Verfolgungsjagden in diversen Fahrzeugen und man konnte diese als Spieler durchaus vermasseln.

In “First Light” setzt ihr euch ans Steuer, gebt Gas und wenn ihr bei “Mario Kart” nicht unbedingt der oder die seid, die schmollend als Dauer-Verlierer unter dem Gekicher der Kids das Wohnzimmer verlassen, dann wird das schon.

Im Endeffekt sind wie Fahrzeug-Sequenzen und Verfolgungsjagden wie mein Besuch beim letzten Klassentreffen: schick inszeniert, aber inhalts- und witzlos.

Jetzt liest sich das ja für euch alles möglicherweise dann doch so, als hätten wir hier einen neuen James-Flop, aber weit gefehlt. Ich hatte trotz der Mängel sehr viel Spaß bei Bonds erstem Einsatz seit Jahren und das liegt vor allem an der Atmosphäre und der Präsentation.

Die Entwickler haben ihre Hausaufgaben gemacht und so bekommt ihr wirklich einen Bond-Film zum Selberspielen. Schön finde ich auch, wie gewisse Begrifflichkeiten aus der Lore erklärt werden; egal ob man erfährt wie es zum Spieltitel kam oder warum Bond die Kennung 007 trägt. Das Spiel fängt die Bond Atmosphäre grandios ein und dürfte vor allem für Fans des smarten Agenten ein Pflichtkauf sein.

Hier muss man den Entwickler auch zum Cast gratulieren. Patrick Gibson gibt einen hervorragenden jungen James Bond, der eben noch süffisant Ladies anbaggert und im nächsten Moment aus einem abstürzenden Flugzeug springt. Auch bei emotionalen Szenen macht der Schauspieler seine Sache gut und man fiebert regelrecht mit ihm mit.

Besonders hervorzuheben ist auch Lennie James, der einen sehr glaubhaften Part als Bonds Ausbilder hat.

Auch die Damenriege macht einen super Job und zeigt uns mit Pryanga Burford als M und Kiera Lester als Moneypenny zwei ebenso moderne wie toughe und professionelle Frauen, die Bonds großes Mundwerk und seinen Abzugsfinger im Zaum halten und ihm zeigen, wie der Spionage-Hase läuft.

Einzig allein Lenny Kravitz hat mich ein bisschen enttäuscht, aber das liegt weniger an seiner Performance als charismatischen Waffendealer Bawa, sondern vielmehr daran, wie er im Spiel eingesetzt wird.

Grafisch und audiovisuell dringt Bonds aktueller Einsatz zwar nicht in aktuelle Referenzgebiete der Marke “Resident Evil Requiem” vor, knallt aber trotzdem durchaus rein.

Von den obligatorischen voll besetzten Nachtclubs, die man ja schon in den Hitman-Games geil fand, bis zu typisch exotischen Bond-Schauplätzen werden euch einige optische Perlen serviert. Die Charaktermodelle sind aufwändig und ihr könnt in den Gesichtern der virtuellen Schauspieler jede Regung ablesen.

Soundmäßig gibt es bei so einer Produktion natürlich auch die volle Packung. Neben einem tollen Score, der das Bond-Thema immer wieder aufgreift, gibt es einen ganz guten Titeltrack von Lana Del Rey und viele krachige Schuss- und Explosionsgeräusche.

Somit wäre ich am Ende meiner MI-6 Akte rund um den ersten Einsatz des ehemaligen Royal-Navy-Crewmen und nun Doppelnullagenten ihrer Majestät James Bond angekommen.

Trotz der Vorhersehbarkeit der Story, den teils absurden Werbeunterbrechungen und dem gelegentlichen Gefühl, vom Spiel für unterbelichtet gehalten zu werden, ist für mich “007 First Light” tatsächlich ein echter Hit. Neben charismatischen Darstellern, coolen Setpieces und ganz viel Bond-Feeling bekommt ihr rund 20 Stunden feinstes Agenten-Kino zum Selberspielen und nicht nur das beste 007-Spiel der letzten Jahre, sondern auch ein cooles Action-Adventure.

-mn


SUPER

 Es war bestimmt nicht einfach für IO Interactive, unter Argusaugen von Amazon und Co. unserem Lieblings-Spion und Herzensbrecher ein formidables Spiel auf den virtuellen Smoking zu schneidern.

Aber die Dänen sind erfahrene Feldagenten und obwohl mir bei “First Light” oft die spielerische Tiefe und Freiheit eines “Hitman” fehlt, ist es vielleicht genau dieser Kritikpunkt, der dieses Spiel auch ausmacht. Bond will nicht stundenlang Missionen planen und observieren, nein, alles ist im handlichen Format eines Action-Blockbusters verpackt und bis auf eine wirklich lange und öde Mission wurde ich immer gut unterhalten.

Das liegt weniger an den Q-Gadgets und Waffen und mehr an Bond selber und dem “Schauspielensemble". Alle Figuren sind meist glaubwürdig geschrieben und gerade Lennie James als grantelnder Mentor hat für mich jede Szene gestohlen.

Für Bonds nächsten Einsatz wünsche ich mir die Fahrzeug-Action der vergangenen Bond-Games zurück sowie eine Verbesserung des Social Engineerings; ich möchte da nicht so einfach durchkommen und in den entsprechenden Situationen mehr gefordert werden.

Alles in allem ist es aberein toller neuer Bond geworden. Wir können nur hoffen, dass die Macher des nächsten Films uns einen genauso spannenden wie abwechslungsreichen Agententhriller präsentieren.

Mark Wamsler wird zurückkehren in ….Star Fox!

-mw

System: PS5 auch auf Xbox Series, Switch 2
Genre: Action-Adventure
Developer: IO Interactive
Publisher: IO Interactive
Schwierigkeitsgrad: 5-6
UPE: 59,99 €
Spielzeit: ca. 20 Stunden
USK: 16
Muster von: Dynatex

Grafik:
86%
Sound:
84%
Motivation:
82%

Spiel-
Spaß:
83%
Werbung nervt!

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