Ein Abenteuer mit Indie-Gräbern, Tempelmonstern und Pixel-Gold
Treasure Hunters: Raid Together
Es gibt Spiele, die direkt für die großen Fragen des Lebens sorgen: Warum liegt in antiken Tempeln eigentlich immer Gold herum? Wer baut Fallen, die nach Jahrhunderten noch tadellos funktionieren? Und warum betreten Schatzjäger solche Orte mit nichts weiter als einer Peitsche, Doppelpistolen oder ihren bloßen Fäusten? “Treasure Hunters: Raid Together“ beantwortet diese Fragen zwar nicht, schickt euch aber genau in diese Kulissen: düstere Gräber voller Artefakte, Rätsel, Gefahren und klassischer Abenteuer-Klischees.
Das Spiel startet im Anwesen des Hauptcharakters. Hier geht es allerdings nicht darum, den Butler im Kühlschrank einzusperren, “Crash Bandicoot“ in einem cleveren Meta-Witz auf der PlayStation 1 zu spielen oder einen Trainings-Parcours zu meistern. Stattdessen bucht ihr selbständig euer nächstes Reiseziel und stellt eure Ausrüstung zusammen. Eine erstaunlich realistische Funktion, von der das Spiel deutlich profitiert. Das Anwesen fungiert also als typischer Hub-Bereich.
Zum Test-Zeitpunkt habt ihr die Wahl zwischen zehn Gräbern, die unterschiedliche Artefakte, Fallen und Rätsel beherbergen. Die wertvollsten Ziele stehen euch aber nicht sofort offen, denn jede Reise kostet Budget. Dadurch entsteht tatsächlich das Gefühl, dass ihr euch erst hocharbeiten müsst, bevor ihr euch an die teuren Artefakte wagt. Sollte es mal nicht so gut laufen, gibt es immerhin zwei kostenlose Anfänger-Gräber.
Auch beim Ausrüsten muss gut überlegt werden: Investiert ihr direkt in eine Pistole, lieber in Verbandszeug oder doch in eine Taschenlampe, falls die Gräber dunkler werden als Nathan Drakes Steuererklärung? Lohnt sich Dynamit schon am Anfang? Jeder Kauf kann entscheiden, ob ihr reich zurückkehrt, oder ob das nächste besuchte Grab euer eigenes wird.
Im Anwesen könnt ihr außerdem bereits erbeutete Artefakte bewundern und Basketball spielen, um die Wurfmechanik zu üben. Da die Ästhetik des Anwesens eher an einen Kerker als an ein britisches Herrenhaus erinnert, fühlt sich diese Funktion wie eine Hommage an das Easter Egg des originalen “Thief: The Dark Project“ von 1998 an. Vielleicht stellt Entwickler Biax damit ja auch nur clever die entscheidende Frage: Besteht zwischen Grabräuber und Meisterdieb wirklich ein Unterschied?
Der Hauptcharakter bleibt dabei ein typischer Videospiel-Avatar: keine Besessenheit mit Francis Drake, keine Vaterkomplexe, die am Abgrund “losgelassen“ werden und keine Mutter, die in Helheim gefangen ist. Ihr könnt euren Charakter im Anwesen selbst mit den typischen Creator-Funktionen bearbeiten und nach euren Wünschen anpassen. Doch letztlich ist er vor allem eure Erweiterung. Mehr braucht es für diese Art von Spiel auch nicht, denn der Fokus liegt klar auf den Gräbern.
Denn dort merkt man schnell, dass Biax sämtliche Abenteuer-Tricks ausgepackt hat: sich bewegende Wände, Stolperfallen, Pendel über dünnen Balken, Stachelgruben und riesige Steinkugeln, die euch durch enge Gänge jagen. “Treasure Hunters: Raid Together“ fühlt sich spielerisch oft wie ein Liebesbrief an das Genre an und macht gerade dann Spaß, wenn mehrere Gefahren gleichzeitig greifen.
Auch Rätsel kommen nicht zu kurz: Symbol-Puzzles, Licht-Rätsel mit Spiegeln, Plattformen in der richtigen Reihenfolge, Unterwasserpassagen und mehr. Die Aufgaben bleiben zwar meist standardisiert, fühlen sich aber trotzdem lohnend und herausfordernd an. Dazu kommen Gegner wie Rattenschwärme, Spinnen, Ameisennester, riesige Schnecken und mythologische Kreaturen wie Tzitzimitl oder Yohualtepoztli. Spätestens bei der Statue, die sich nur bewegt, wenn ihr nicht hinseht, verlässt das Spiel kurz den Indiana-Jones-Tempel und biegt direkt in Richtung “Doctor Who“ und “SCP: Containment Breach“ ab.
Ziel ist es, möglichst viele wertvolle Artefakte zu sichern und mit maximalem Gewinn zurückzukehren. Das große Finale wartet meist am Ende des Grabes: Bronze-Mais, Obsidian-Spiegel oder ein aztekisches Opfermesser. Entfernt ihr das Artefakt geschickt vom Sockel, könnt ihr entspannt zum Ausgang zurückkehren und noch schauen, ob in irgendeinem Seitengang weitere Luxusgüter herumliegen. Scheitert die Mini-Herausforderung, heißt es: Rennt um euer Leben! Denn langsam, aber sicher schließt sich das Grab – und wer zu langsam ist, bleibt für immer Teil der Ausstellung.
Auf Gameplay-Ebene macht “Treasure Hunters: Raid Together“ vieles goldrichtig. Die Mischung aus Fallen, Rätseln, Gegnern, Artefakt-Jagd und zufällig zusammengesetzten Gräbern sorgt für ein spaßiges Erlebnis mit erstaunlich viel Potenzial. Irgendwann haben sich einzelne Grab-Bausteine zwar auserzählt, aber dann warten noch genug andere Expeditionen.
Leider hat das Spiel auf anderen Ebenen jedoch deutliche Schwachstellen. Technisch wirkt “Treasure Hunters: Raid Together“ nämlich noch ziemlich unfertig. Die Steuerung ist stellenweise hölzern, und mit der Zeit zeigt sich: Das Spiel ist nicht nur mit Rätseln, Schätzen und Gefahren gefüllt, sondern auch mit Bugs. Beim Spiegel-Rätsel wurde Licht mehrfach durch unschöne graue Rechtecke ersetzt. Bei Rätseln mit mehreren bewegbaren Elementen erkennt das Spiel nicht immer zuverlässig, welche Reihe gerade ausgewählt werden soll, wodurch versehentlich mehrere Dinge gleichzeitig bewegt werden. Auch das Ausrüstungs-System verwirrt: Eigentlich müsst ihr euch vor jedem neuen Grab neu eindecken, trotzdem hatte ich manchmal noch Pistole oder Verbandszeug aus der vorherigen Expedition dabei. Hier kam für mich öfter die große Frage: Ist das ein Bug, oder so geplant? Hinzu kommen kleinere Physik-Probleme, bei denen Gegenstände durch die Spielwelt glitchen. Unspielbar wird das Abenteuer dadurch nicht, aber sauber wirkt es eben auch nicht.
Grafisch bleibt “Treasure Hunters: Raid Together“ ebenfalls deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die düsteren Dungeons erzeugen hin und wieder brauchbare Atmosphäre, und gerade die Inszenierung einzelner Gräber rettet die Präsentation stellenweise ein wenig. Wenn enge Gänge, alte Ruinen, Fallen und Rätselräume zusammenkommen, blitzt kurz auf, welches Abenteuergefühl das Spiel eigentlich erzeugen möchte. Insgesamt fehlt aber eine eigene visuelle Identität. Nicht, weil es ein Indie-Spiel ist, sondern weil selbst im Rahmen der eigenen Möglichkeiten keine klare künstlerische Richtung entsteht. Viele Umgebungen wirken zweckmäßig, austauschbar und wie bekannte Dungeon-Versatzstücke. Minimalismus kann funktionieren, wenn er bewusst gestaltet ist; hier wirkt die Schlichtheit aber selten wie eine kreative Entscheidung.
Auch beim Sound bleibt viel Potenzial liegen. Gerade ein Spiel über Schatzsuche, Ruinen und gefährliche Dungeons müsste über Klang eine spürbare Abenteuer- und Entdecker-Atmosphäre erzeugen. Genau das passiert kaum. Geräusche, Musik und Sounddesign wirken funktional, aber blass. Viele Orte fühlen sich dadurch weniger wie vergessene Tempel voller Gefahren an, sondern eher wie leere Räume mit gelegentlichen Effekten.
Beim Online-Modus ist leider niemand meiner Lobby beigetreten, doch allein die Idee, sich zu zweit bis viert durch die herausfordernden Gräber zu kämpfen, hat Charme und zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Da sich die Gräber an den Koop-Modus anpassen, liegt hier vermutlich der größte Langzeit-Reiz. Dass “Raid Together“ im Titel steht, ist deshalb die goldrichtige Entscheidung und genau der Faktor, auf den sich Biax konzentrieren sollte. Denn hier haben sie, wenn es richtig umgesetzt wird, echt ein Konzept für zeitlosen Langzeitspaß ausgegraben.
In typischer Indie-Spiel-Manier wird “Treasure Hunters: Raid Together“ trotz Release weiter gepatcht. Getestet wurde Version 1.1.1. Das macht Hoffnung, dass Biax noch lange nicht am Ende ist. Gleichzeitig bewertet man als Käufer ein offiziell veröffentlichtes Spiel – und damit müssen die vorhandenen technischen Probleme in die Wertung einfließen.
-dh
Developer: Biax
Publisher: PlayWay S.A.
UPE: 8,99 €
Testmuster: PlayWay
Schwierigkeit: 4
USK: Keine Angabe
Spielzeit: ca. 3–5 Stunden, je nach Team, Spielweise und Wiederholungsbereitschaft
Hier ist die Sache: Ich bin mit typischen Grabräuber-Spielen groß geworden und vergöttere dieses Subgenre. Ich wäre die erste Person, die sich ein Cheerleader-Outfit anzieht und Biax mit Pompons durch den gesamten Entwicklungsprozess anfeuert. Und ja, ich würde darin komplett lächerlich aussehen. Worauf ich hinaus will: Ich wünsche mir, dass “Treasure Hunters: Raid Together“ ein Erfolg wird. In seiner aktuellen Version ist das Spiel davon aber noch entfernt. Beim Gameplay gibt es eine durchdachte Vision, bei Ästhetik, Soundkulisse und Technik dagegen noch viel Ungewissheit und einen großen Haufen Arbeit. Doch gerade diese Ebenen sind für ein Grabräuber-Spiel wichtig. Was sind Videospiel-Gräber ohne prickelnden Artstyle und atmosphärische Soundkulisse? Aktuell fühlt sich “Treasure Hunters: Raid Together“ wie ein funktionierender Motor in einem unfertigen Fahrzeug an. Potenzial ist da, aber Biax hat noch massiv Arbeit vor sich.
-dh
