Kapitalismus ist nicht totzukriegen!
The Walking Trade
“The Walking Trade” klingt auf dem Papier wie der feuchte Traum jedes empathielosen Arbeitgebers: Eine Zombie-Apokalypse? Etliche Todesfälle im Familien- und Freundeskreis? Ein ansteckender, tödlicher Virus? Alles faule Ausreden! Das Geschäft muss weiterlaufen! Damit ist das Gröbste auch schon gesagt. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Ladenbesitzers, der vorbeikommenden Überlebenden Ausrüstung verkauft: Konservendosen, Waffen, Medizin oder simple Dinge wie Holz und Nägel. Somit betreibt Ihr den perfekten Tante-Emma-Laden für den Weltuntergang, den Ihr im Laufe des Spiels zu einem Erfolgsunternehmen ausbauen könnt.
Das Indie-Simulationsspiel von Microwave Games befindet sich aktuell noch in der Betaphase, präsentiert aber bereits eine leicht verständliche Prämisse: Betreibe einen erfolgreichen Laden, selbst wenn die Zombie-Apokalypse vor der Tür steht! Also eine Mischung aus Wirtschaftssimulator und Zombie-Survival. Genau das wird im Gameplay schnell deutlich: Im Inneren des Ladens herrscht heiteres Verkaufs-Flair, auf den Straßen regieren die Toten.
Ähnlich wie bei einem klassischen Wirtschaftssimulator beginnt alles bei null. Der Spieler startet allein in seinem leeren Ladenlokal und muss erst einmal aufräumen, um das verlassene Gebäude als Geschäft nutzen zu können. Anschließend sucht er auf den angrenzenden Straßen nach Ressourcen und bietet sie im Laden an. Microwave Games bemüht sich, diesen Aspekt möglichst immersiv zu gestalten: Ihr wacht morgens um 7 Uhr im Nebenraum auf, öffnet selbst die Türen, legt die Ware in die Regale und stellt Euch an die Kasse. Nach Ladenschluss geht es zurück ins Bett. Darauf folgt eine Bilanz über die geschäftlichen Gewinne und Verluste des Tages. Ihr könnt aber auch die Regeln der Marktwirtschaft einfach über den Haufen werfen, Kunden angreifen und ihre mitgebrachten Gegenstände anschließend bei Euch anbieten. Aber Vorsicht: Macht Ihr das zu häufig, bekommt Euer Laden einen schlechten Ruf.
Die traditionelle Währung in “The Walking Trade” sind Batterien. Während der Öffnungszeiten kommen Kunden in Euren Laden, um Gegenstände gegen Batterien zu kaufen oder zu verkaufen. Hier ist kaufmännisches Geschick gefragt: Ist eine Konservendose fünf Batterien wert oder doch eher zehn? Wer handelt fair? Wer zieht den Spieler über den Tisch? Selbst bei fair wirkenden Angeboten solltet Ihr vorher prüfen, ob die Batterien auch geladen sind. Denn in der dynamischen Verkaufswelt von “The Walking Trade” können Kunden Euch gerne mal übers Ohr hauen. In diesem Aspekt macht das Spiel viel richtig: Die Auswahl an Laden-Gegenständen ist groß und sorgt für unterschiedliche Preis-Leistungs-Verhältnisse, die das Spielerlebnis lebendig wirken lassen.
Mit zunehmendem Erfolg kann der Spieler Nebencharaktere von der Straße als Angestellte anwerben. Diese schützen den Laden vor Zombies, während der Ladenverkäufer an der Kasse steht, oder halten die Verkaufsfläche sauber. Meistens lohnt es sich jedoch, Angestellte als Prepper in die Zombie-Welt zu schicken, damit sie an verschiedenen Stützpunkten Items bunkern. Je gefährlicher der Standort, desto höher ist das Todesrisiko. Dafür liegen dort oft die wertvollsten Gegenstände. Dazu verfügt das Spiel über vier Skill-Trees, mit denen Ihr Fähigkeiten und Boni freischaltet – etwa geringere Lohnkosten, eine qualitativ bessere Arbeit seitens der Angestellten oder die Möglichkeit, aus Rohstoffen selbst wertvolle Gegenstände herzustellen.
Doch auch in der Zombie-Apokalypse zeigt sich: PR ist die halbe Miete. Eine wichtige Mechanik ist die Kundenfreundlichkeit. Nicht selten stolpern Zombies in den Laden und greifen die Kundschaft an. Dann muss der Ladenbesitzer blitzschnell reagieren, bevor Schaden entsteht. Auch Leichen im Verkaufsbereich oder Angriffe auf Kunden sind – wer hätte es gedacht – schlecht fürs Geschäft. Diese Mechanik sorgt dafür, dass Ihr deutlich mehr zu tun habt, als nur an der Kasse zu stehen.
Hier sehe ich allerdings das größte Ärgernis der Beta. Häufig schleppen Kunden Zombies unbewusst in den Laden und werden direkt an der Türschwelle angegriffen, sodass die Reaktionszeit minimal ist. Erschießt Ihr den Zombie, wird die bloße Anwesenheit der Zombie-Leiche trotzdem als Negativpunkt gewertet. Egal wie Ihr reagiert: Im Grunde könnt Ihr nur verlieren. Gerade abends kleben die Zombies am Laden wie Motten am Licht und ziehen den Ruf schnell nach unten. Angestellte, die später als Security oder Reinigungskraft arbeiten können, entschärfen das Problem etwas. Trotzdem wirkt die Mechanik aktuell eher unfair als herausfordernd. Dazu hängt sich die KI der Angestellten gelegentlich auf, woraufhin sie wie lebendiges Gemüse in der Gegend herumsteht.
Und leider bleibt das nicht der einzige Fehler: Neben einer Ragdoll-Physik, die tote Zombies tanzen lässt wie Pinocchio an Fäden, fallen Items gerne durch den Boden. Die Platzier-Funktion arbeitet ungenau und hat teilweise Probleme, Gegenstände ohne verbuggte Animationen abzulegen. Dazu kamen beim Spielen Kunden, die aus dem Spiel heraus glitchen, und Textfehler in den deutschen Untertiteln. Da sich “The Walking Trade” zum Zeitpunkt der Rezension noch in der Beta befindet, gibt es von unserer Seite aus einfach nur ein Augenzwinkern.
Trotzdem bemüht sich das Spiel, nicht nur ein stumpfer Laden-Simulator zu sein, sondern auch ein kleines Narrativ zu vermitteln. Eine To-Do-Liste ermutigt Euch, die verschiedenen Mechaniken auszuprobieren. Zudem erweitert Ihr die Spielwelt, indem Ihr Ressourcen clever einsetzt: So müssen über Eure Angestellten Batterien an die Stadtwache abgegeben werden, damit sie jenseits der Absperrung unterwegs sein dürfen. Später muss zum Beispiel eine Brücke repariert werden. Solche kleinen Aufgaben sorgen dafür, dass sich die Spielwelt für Eure Angestellten nach und nach öffnet.
Bis jetzt klingt “The Walking Trade” mehr nach Wirtschaftssimulator als nach Zombie-Apokalypse. Doch das Zombie-Feeling bleibt nicht aus: Alle paar Tage bleibt der Laden zwangsweise geschlossen. Nein, nicht weil Weihnachten gefeiert wird – auch wenn der rote apokalyptische Himmel farblich gut passen würde – sondern weil an diesen Tagen Überfälle stattfinden. Mehrere Gegnerwellen stürmen auf den Laden, der Besitzer mutiert zum Rambo und muss alles töten, was noch untot herumläuft. Neben normalen Zombies machen spezielle Mutationen und ein über zwei Meter großer Zombie-Koloss das Leben schwer. Am nächsten Tag geht der normale Ladenbetrieb weiter, als wäre nie etwas passiert. Definitiv aufregender als ein durchschnittlicher Sonntag!
Ein interessantes Gimmick sind die Schwierigkeitsgrade. Neben Entspannend, Standard und Stressig gibt es einen Hardcore-Modus. Stirbt der Spieler hier, wird der gesamte Speicherstand gelöscht. Eine unüberlegte Bewegung kann also über 30 Tage Spielfortschritt im Nu dahinschmelzen lassen wie Butter in der Sonne. Auf den anderen Schwierigkeitsgraden fällt der Hauptcharakter nach dem Scheitern, in guter alter “Pokémon”-Manier, einfach in Ohnmacht und wacht am nächsten Morgen im Nebenraum seines Ladens auf. “The Walking Trade” spielt dadurch clever mit dem Tod und dem Zerfall des hart erarbeiteten Werkes. Der wahre Horror jedes Geschäftsmanns.
Optisch bleibt “The Walking Trade” dagegen relativ unscheinbar. Das Spiel setzt auf eine schlichte, blockige Voxel-Grafik, wie man sie inzwischen aus vielen Indie-Produktionen kennt. Das ist erst einmal nichts Negatives: Indie-Games wie “The Touryst” oder “Cloudpunk” haben bewiesen, dass sich damit wunderschöne Inszenierungen basteln lassen. “The Walking Trade” bleibt visuell aber eher neutral und unspektakulär. Lediglich einige Zombie-Skins sorgen für Schmunzler, etwa ein Untoter mit Boxershorts im Herzchen-Design oder ein Zombie in Taucher-Montur. Der Blut-Splatter-Effekt auf dem Bildschirm erzeugt zumindest etwas zusätzliche Atmosphäre.
-dh
Developer: Microwave Games
Publisher: PlayWay S.A.
UPE: 9,75 EUR
Testmuster: PlayWay
Schwierigkeit: 3
USK: unbekannt
Spielzeit: Ca. 8 - 10 Stunden
Im Gegensatz zum Beinahe-Namensvetter wird “The Walking Trade” wohl eher nicht für über zehn Jahre Prime-Time-Unterhaltung sorgen. Dafür überzeugt das Spiel mit einer lustigen Idee für ein eigentlich längst auserzähltes Szenario. Eine Zombie-Apokalypse mit einem Laden-Simulator zu kombinieren, klingt erst wie eine Hausaufgabe aus einem Narrative-Gamedesign-Seminar, macht in der Praxis aber schon in der Beta Spaß. Je länger man unterwegs ist, desto deutlicher fallen allerdings Bugs, unausgereifte Mechaniken und eine gewisse Eintönigkeit auf. Einen eigenen Laden zu führen, war anfangs ein sehr spaßiges Feature, aber spätestens ab Tag 30 war bei mir die Luft raus. Hier hat Microwave Games noch einiges zu tun. Gelingt die Ausbesserung, kann “The Walking Trade” ein spaßiger Zeitvertreib für zwischendurch werden.
-dh
