Liebe auf den ersten Einschlag

Sucker for Love:
Crush Landing

Visual Novels und ich, das funktioniert bekanntlich ziemlich gut. Dazu noch eine ordentliche Portion Lovecraft und eigentlich kann schon fast nichts mehr schiefgehen. „Sucker for Love: Crush Landing“ treibt diese Kombination allerdings auf eine wahnwitzige Spitze. Denn statt euch von kosmischen Wesen in den Wahnsinn treiben zu lassen, dürft ihr hier mit einem davon anbandeln. Oder es zumindest versuchen.

Ganz neu ist mir der Wahnsinn allerdings nicht. Den ersten Teil „SfL: First Date“ habe ich bereits gezockt und wusste daher ungefähr, auf welche herrlich schräge Mischung ich mich einlasse. Schon damals hat mir die Kombination aus Dating-Sim, Visual Novel und Lovecraft-Horror ziemlich gut gefallen. „Crush Landing“ bleibt als dritter Teil dieser ungewöhnlichen Grundidee der Reihe treu, erzählt aber eine neue Geschichte und funktioniert dadurch auch ohne großes Vorwissen.

Ihr schlüpft in die Rolle eines vorerst namenlosen männlichen Escort-Arbeiters, im englischen auch Host (von Host-Club) genannt, der gerade noch versucht, seinen Alltag auf die Reihe zu bekommen, als plötzlich ein Komet mitten in seine Wohnung einschlägt. Was macht ein normaler Mensch in einer solchen Situation? Polizei rufen? Feuerwehr? Wegrennen? Natürlich nicht! Wir fassen das verdächtig leuchtende Ding erst einmal an. Als ich bei einer der Optionen statt „mit der Hand zu berühren“ einfach „mit etwas anderem berühren“ ausgewählt habe, folgte eine kurze Sequenz, auf die ich aus Spoilergründen nicht weiter eingehen möchte. Aber so viel sei gesagt: Ich lache heute noch darüber.

Und damit beginnt unsere ungewöhnliche Beziehung zu Hheily.

Bei ihr handelt es sich nämlich keineswegs um einen gewöhnlichen Stein aus dem Weltall. Hheily ist ein empfindungsfähiges kosmisches Wesen, das seine Gestalt verändern kann und wenig später, nachdem wir ihr ein Bademodenmagazin zeigen, als junge Frau vor uns steht. Allerdings braucht sie Energie, um diese Form aufrechtzuerhalten. Also beginnt eine Liebesgeschichte, bei der ihr eure Angebetete nicht mit Blumen und Schokolade bei Laune haltet, sondern mit allem möglichen Kram aus eurer Wohnung füttert. Romantik kann so einfach sein. Lovecraft-Kenner werden sofort bemerken, dass hier speziell „Die Farbe aus dem All“ als Inspiration gedient hat.

Spielerisch ist „Crush Landing“ eine Mischung aus Visual Novel und Point-and-Click-Adventure. Eure Wohnung könnt ihr in einer handgezeichneten 360-Grad-Ansicht erkunden, Gegenstände untersuchen, verschiedene „Gäste“ an eurer Haustür abfangen, und natürlich mit Hheily interagieren. Dabei besteht das Spiel keineswegs nur daraus, euch durch eine Dialogbox nach der anderen zu klicken.

Besonders wichtig ist Hheilys Flamme. Damit sie nicht erlischt, müsst ihr sie mit verschiedenfarbigen Gegenständen füttern, die überall in der Wohnung verteilt sind. Klingt zunächst simpel, entwickelt sich aber schnell zu einem kleinen Rätsel. Welche Farbe braucht sie? Welchen Gegenstand opfere ich dafür? Und sollte ich vielleicht lieber noch etwas für später aufheben?

Das empfinde ich als willkommene Abwechslung. Gerade Visual Novels dürfen mich spielerisch gerne etwas stärker einbinden, und die kleinen Rätsel sorgen dafür, dass ich tatsächlich darüber nachdenken musste, was ich als Nächstes mache.

Außerdem bietet das Spiel ganze 15 Endings, die je nachdem leichter oder schwerer zu erreichen sind. Manche lassen sich bereits zu Beginn freischalten, wenn ihr beispielsweise die anfangs erwähnte Option „mit etwas anderem Berühren“ wählt. Gerade für das „True Ending“ müsst ihr euch allerdings schon ordentlich ins Zeug legen.

Visuell hat mich „Sucker for Love: Crush Landing“ ziemlich schnell abgeholt. Statt moderner Hochglanzoptik setzt das Spiel auf einen handgezeichneten Stil, der bewusst an klassische Animes und Visual Novels erinnert. Gerade Hheily funktioniert dadurch wunderbar als Mischung aus süßem Anime-Girl und kosmischem Wesen, bei dem man wahrscheinlich besser nicht zu genau darüber nachdenken sollte, was man da eigentlich gerade anbaggert.

Genau darin liegt für mich ein großer Reiz von „Crush Landing“. Das Spiel nimmt Lovecraft-Horror nicht einfach nur als Vorlage für irgendwelche Monster mit Tentakeln, sondern verbindet kosmischen Horror mit einer völlig absurden Romanze und jeder Menge Humor.

Auch beim Sound setzt sich der ungewöhnliche Stil fort. Besonders positiv fällt die englische Sprachausgabe auf. Gerade Hheily profitiert davon enorm und bekommt dadurch wesentlich mehr Persönlichkeit, als es reine Textboxen vermitteln könnten.

Überhaupt funktioniert der Humor überraschend gut. Das Spiel weiß ganz genau, wie absurd seine Ausgangssituation ist, ohne daraus permanent eine einzige große Pointe machen zu müssen. Zwischen den Albernheiten schimmern immer wieder Momente durch, in denen die Lovecraft-Seite deutlich stärker zum Vorschein kommt.

Und genau diese Mischung gefällt mir. Auch wenn euch eine leichte Vorahnung beschleicht, dass die ganze Sache für die Menschheit vielleicht nicht ganz so romantisch enden könnte.

Denn hinter dem niedlichen Anime-Girl steckt offensichtlich wesentlich mehr. Hheily ist nicht einfach nur zufällig auf der Erde gelandet und je weiter ihr in die Geschichte eintaucht, desto deutlicher wird, dass hier noch ganz andere Dinge im Hintergrund lauern.

-db


Genre: Visual Novel
Developer: Akabaka
Publisher: Black Lantern Collective
UPE: 13,49 €
Testmuster: Ukiyo Studios
74%
Sound: 72%

Schwierigkeit: 5
USK: 16
Spielzeit: 4 bis 6 Stunden
GUT

Schon das erste „Sucker for Love“ hat mir gezeigt, dass Dating-Sim und Lovecraft-Horror erstaunlich gut zusammenpassen können. „Crush Landing“ führt diese herrlich abstruse Idee konsequent weiter und schafft es trotzdem, nicht einfach nur wie ein Aufguss des Vorgängers zu wirken.

Vor allem gefällt mir, dass ich nicht nur Dialoge durchklicke. Das Erkunden der Wohnung, die unterschiedlichen Gegenstände und Hheilys Farbmechanik bringen genug spielerische Elemente hinein, damit das Ganze nicht zu einem reinen Textmarathon verkommt. Gerade für mich als Visual-Novel-Fan ist das eine willkommene Abwechslung.

Dazu kommt der schöne handgezeichnete Stil, die gute englische Sprachausgabe und dieser herrlich schräge Humor. Gleichzeitig lässt das Spiel immer wieder durchblicken, dass unter der niedlichen Oberfläche noch etwas deutlich Unangenehmeres lauert. Genau dieser Gegensatz aus knuffiger Romanze und kosmischem Horror trifft voll meinen Geschmack.

Wer mit Visual Novels überhaupt nichts anfangen kann, wird wahrscheinlich auch hier nicht plötzlich seine große Liebe entdecken. Wer dagegen auf schräge Geschichten, Lovecraft und etwas ungewöhnlichere Romanze steht, sollte bei „Crush Landing“ durchaus einen Blick riskieren. Zumal auch eine kostenlose Demo verfügbar ist. Lasst euch davon aber nicht täuschen: Während die Demo deutsche Texte bietet, müsst ihr bei der Vollversion derzeit komplett mit Englisch vorliebnehmen.

Lovecraft hätte sich das vermutlich anders vorgestellt – aber wer sagt schon Nein zu ein bisschen kosmischer Liebe?

Euer Diego Battaglia aka Deku Man X

-db

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