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SiN Reloaded

Was kommt eigentlich heraus, wenn man einen Supercop mit nervösem Zeigefinger, eine sexbesessene Pharma-CEO und eine gigantische Unternehmensverschwörung in einen Mixer wirft? Wer bei dieser Mischung jetzt an das aktuelle Weltgeschehen denkt, liegt völlig daneben. Wir befinden uns in Freeport City – der dystopischen Kulisse des Ego-Shooter-Klassikers "SiN”.

“SiN”? Fragt sich jetzt vielleicht mancher Kollege: “Noch nie gehört oder im Laden gesehen.“ Kein Wunder, stand das Spiel doch über zwei Jahrzehnte in Deutschland auf dem Index. Zeit also, sich wieder einmal die virtuellen Finger schmutzig zu machen und zu prüfen, ob Nightdives neuer Remaster-Spaß eine Sünde wert ist. Nightdive Studios haben sich mit Remastern wie “Shadow Man”, “System Shock” und “Turok” schließlich bereits einen Namen gemacht.

Es ist Nacht, die See liegt ruhig vor uns und in der Ferne taucht unser Ziel auf: eine von der Quake-Engine wunderschön beleuchtete Bohrinsel. Als Colonel John R. Blade machen wir die schallgedämpfte Sniper Rifle startklar und schalten im Vorbeifahren Wachen aus, bevor wir mit der Infiltration beginnen. “Call of Duty”? “Splinter Cell”? Nein, “SiN” machte als einer der ersten Shooter-Titel den späteren Genre-Kollegen einiges voraus und setzte Maßstäbe in Sachen Design und Atmosphäre, die später zum Standard wurden.

Sobald wir gelandet sind, bricht das Chaos los. Die Sniper-Wumme wird gegen MP und Shotgun getauscht, actiongeladene Rhythmen, Alarm und die Schreie der Gegner untermalen die Kulisse. Nach jedem Abschuss lässt Blade einen coolen Spruch vom Stapel, ganz im Stile der Filmhelden der 80er- und 90er-Jahre. Ihr legt euch mit der SinTEK Corporation und ihrer Anführerin Elexis Sinclaire an, die ein DNA-veränderndes Mittel unters Volk bringt und eine Armee mutierter Kreaturen aufstellt.

Auch die erste Mission zeigt, was “SiN” damals besonders gemacht hat. Man startet mit dem Helikopter über einer Bank, schießt Terroristen mit dem Bord-MG weg und kann dabei optional eine Werbetafel herunterballern. Wenn man später in der Bank ankommt, liegt sie nur dann im Gebäude, wenn man sie vorher bewusst oder zufällig durch das Glasdach geschossen hat. Solche kleinen Aufmerksamkeiten und Details häufen sich in "SIN" und machen die Spielwelt für damalige wie heutige Verhältnisse glaubwürdiger. Auch sonst lässt sich einiges zerstören: Wände können weggesprengt werden, ganze Treppenhäuser fliegen einem um die Ohren – Duke Nukem lässt grüßen. Dazu gibt es alternative Wege, Bonusmissionen und Terminals, an denen man Passwörter eingibt, Türen öffnet und Sicherheitssysteme lahmlegt.

Auch spielerisch macht “SiN” noch immer viel richtig. Im Remaster bewegt man sich flüssig mit bis zu 120 Bildern pro Sekunde durch die Level und bearbeitet die Gegner mit allerlei Schießprügeln. Neben MP, Shotgun und Raketenwerfer sorgen Science-Fiction-Waffen und Minen mit alternativer Kamera für Abwechslung. Letztere wirft man um eine Ecke, beobachtet die Gegner und zündet im perfekten Moment. Die Trefferzonen sind dabei fantastisch. Schüsse in den Kopf lassen Gegner schneller sterben, Treffer an der Hand können ihnen die Waffe entreißen. Lustigerweise können das die Gegner sogar mit uns machen: Es kann schon einmal passieren, dass sie einem die Shotgun aus der Hand ballern und man sie anschließend wieder aufsammeln muss.

“SiN” hatte damals außerdem schon die Möglichkeit, nicht nur Waffen und Munition von den Gegnern zu looten, sondern bei Bedarf auch deren Körperpanzer. Im Original musste man die Gegner dafür noch einzeln durchsuchen. Das Remaster macht es leichter und automatisiert den Pickup-Vorgang, sobald man über die Gegenstände läuft. Diese Pickups sorgen für eine fantastische Gameplay-Eigenheit: Wenn eine Schießerei für mich nicht gut läuft, bin ich nicht automatisch gezwungen neu zu laden. Dann reiße ich mich und meine fünf HP am Riemen, sammle nach einer konservativen Schießerei Medipacks und Rüstung von den Toten und bin wieder im Rennen. Das ist nicht nur motivierend, sondern steigert auch die Immersion des Einzelkämpfers immens.

“SIN” ist fantastisch, genial und SEHR brutal – das muss man mögen. Für Boomer-Shooter-Fans ist das aber so selbstverständlich wie schmalziges Gelaber und Knutschen im Liebesfilm. Man schießt den Kerlen regelrecht Stücke aus dem Leib, bis sie irgendwann umfallen. Bei der Sniper Rifle ist der Treffer so brutal, dass Blade das nur mit einem „Holy Shit“ kommentiert. Und spätestens wenn man den Raketenwerfer ergattert hat, fliegen die Gibs mehr durch die Gegend als eine Gruppe besoffener Beamter mit Gratismeilen nach Bangkok.

Das Leveldesign gehört klar zu den größten Stärken. Hier waren alte Veteranen am Werk. Richard Gray, besser bekannt als Levelord, war unter anderem an “Quake”, “Duke Nukem 3D” und “Heavy Metal: F.A.K.K. 2” beteiligt. Die Level sind schön ausstaffiert und wirken oft wie echte, glaubwürdige Schauplätze statt wie reine Schießbuden. Für 1998 war das klasse und überzeugt auch heute noch. Besonders genial stimmungsvoll ist das Unterwasser-Level: Man ergattert einen Taucheranzug und geht anschließend mit der Harpunenkanone auf Mutanten, Fische und Gegner los. Auch die Cyber-Produktionsstätten und die von M. C. Escher inspirierte Multiplayer-Map zeigen, wie fantasievoll “SiN” schon damals war.

Auch der Soundtrack mit seinen elektrischen und actiongeladenen Beats passt hervorragend. Die Techno- und Industrial-Rhythmen passen nicht nur klasse zur Action, sondern untermalen die Stimmung herrlich. Besonders die Stücke “Underwater Pass“ und “Estate Sinclaire“ heben sich hier ab. Der OST traut sich noch, richtig Charakter zu haben und vielseitig zu sein – eine Kunst, die im Einheitsbrei der Militär-Shooter in den kommenden Jahren leider vergessen wurde.

Mit im Paket ist außerdem die Erweiterung “Wages of SiN” vom Studio 2015 Inc. Sie überzeugt mit einer neuen Gegnerfraktion, weiteren Mutanten und neuen Waffen. Der Raketenwerfer-Rucksack und der endlich einmal gute Flammenwerfer sind erste Sahne. Die aus der Erweiterung stammende Akimbo-Pistole lassen sich im Remaster optional auch im Hauptspiel aktivieren. Generell können die zusätzlichen Änderungen für Hauptspiel und Erweiterung angepasst oder abgeschaltet werden.

Ganz ohne Schwächen kommt das Remaster aber nicht davon. Die Story war schon im Original infantil erzählt, die Dialoge zwischen Blade und J.C. sind teilweise eher peinlich und die Handlung um SinTEK und Elexis bleibt flach. Das ist also kein Fehler von Reloaded, wirkt heute aber natürlich nicht zeitgemäßer. Dazu kommen alte und neue Bugs. Manche Bosse bleiben hängen, die Kollisionsabfrage macht Probleme und eine zufallende Spindtür kann Blade Schaden zufügen oder ihn festsetzen. Besonders ärgerlich: Dieser Fehler war offenbar schon im Original vorhanden. Auch die Bugs mit Fahrzeugen waren bereits damals eine Schwäche. Als ich mein erstes Fahrzeug fand und losstarten wollte, entschied sich das Spiel, dass ich nicht in einer Planierraupe, sondern in einer Mondrakete sitze, und katapultierte mich erst einmal 100 Meter nach oben.

-sal


Genre: Ego-Shooter
Developer: Nightdive Studios, Ritual Entertainment
Publisher: Nightdive Studios, Atari
UPE: 29,99 €
Testmuster:
69%
Sound: 69%

Schwierigkeit: 5
USK: ohne (ab 18 auf Steam)
Spielzeit: ca. 10 Std. Hauptspiel, plus 4 Std. Wages of SiN
GUT

Die Zeit mit “SiN” war klasse und das Remaster hat einiges zu bieten. “SiN” war damals ein erstklassiger Shooter – Power Play vergab 1998 satte 91 Prozent. Aufgrund der vielen leider immer noch vorhandenen Bugs von damals sowie neuer Fehler in “Reloaded” kann ich mich dieser Wertung aber nicht anschließen. Ich liebe das Original, trotzdem ist diese Version für 30 Euro trotz all ihrem Spaß nicht ganz rund. Sollten die Bugs noch behoben werden, würde ich meiner Wertung gerne zehn Punkte draufrechnen. So gibt es eine Kaufempfehlung nur im Sale und für besonders neugierige Spieler, die “SiN” noch nie erlebt haben. Genrekenner haben aber zu wenig Grund, von “SiN Gold” – ebenfalls von Nightdive herausgegeben und gepatcht – für 30 Euro umzusteigen. Konsoleros dürfen sich dagegen freuen, endlich auch in den Genuss von “SiN” zu kommen. Deshalb gibt es von mir 69 Punkte – was ziemlich genau zum Humorniveau von SiN passen sollte.

-sal

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