Copycat oder Love Letter?

LumenTale: Memories of Trey

Das RPG “LumenTale: Memories of Trey“ ist zwar kein Märchen, trotzdem möchte ich für diese Rezension einmal einen etwas anderen Anfang wählen: Es war einmal eine Region namens Talea, die vor allem von Animons bewohnt wurde – einer Bandbreite an verschiedenen Monstern, von groß bis klein, gewöhnlich bis einmalig, einige sogar mit Weiterentwicklungen. In Talea sind sogenannte Lumen unterwegs: Wächter, die durch die Region streifen, Animons fangen und mit ihnen einen Bund fürs Leben eingehen. Nebenbei kämpfen sie mit ihren Partnern gegen wilde Animons oder treten in Turnieren gegen andere Lumen an.

Gefangen werden die Animons mit kleinen technologischen Geräten, Bilia genannt. Insgesamt können sechs Animons mitgeführt werden. Der Rest wandert in den sogenannten Aniraum: einen digitalen Zwischenraum, der als Mischung aus Pausenraum und Aufbewahrungsstätte dient. Sollten die eigenen Animons angeschlagen sein, lassen sie sich mit Tränken, in Lumen Clubs oder an speziellen Brunnen heilen. Der Hauptcharakter wird von einem Professor, der zu Animons forscht, ermutigt, selbst ein Lumen zu werden, wählt eines von mehreren Starter-Animon und bereist anschließend Talea.

Hand aufs Herz: Wie viele Déjà-vus hattet ihr jetzt beim Lesen der ersten beiden Absätze? Es lässt sich nicht leugnen: “LumenTale: Memories of Trey“ erinnert schnell an etwas, das man bereits öfter gesehen hat und sich extrem in der Popkultur verbreitet hat. Das Design und der Zeichenstil der verschiedenen Animon-Sprites helfen dabei leider nicht: Auch hier war mein erster Gedanke direkt: Moment! Das kenne ich doch irgendwoher!

Dementsprechend ist auch das Gameplay sehr vertraut: Größtenteils aus der Top-Down-Perspektive läuft der Spieler durch Talea, kämpft mit seinem Team gegen andere Animons, erledigt Aufgaben, erkundet hübsch gestaltete Städte und Umgebungen und löst zwischendurch kleinere Adventure-Passagen. Das alles funktioniert reibungslos und klassisch, wie man es von dieser Art RPG kennt.

Aber wir wollen nicht zu hart sein: In einigen Aspekten unterscheidet sich “LumenTale: Memories of Trey“ durchaus von den anderen Mons, die es in der breiten Gaming-Welt bereits gibt. So ist es nicht das Hauptziel, alle Animons zu fangen, irgendwelche Arenaleiter für Orden zu besiegen oder auf ewig jeden Geburtstag nach dem zehnten Lebensjahr zu leugnen.

Tatsächlich sammelt der Spieler keine Orden, sondern Erinnerungen: Hauptcharakter Trey wacht im Labor des Animon-Professors Kapan auf und kann sich an nichts erinnern. Durch einen Zufall entdeckt er sein Talent im Umgang mit Animons und beschließt daraufhin, als Lumen durch Talea zu reisen, um die verlorenen Bruchstücke seines Gedächtnisses wiederzufinden. Unterstützt wird diese stärker erzählte Abenteuerreise durch nichtlineare Elemente: Nach den ersten Ereignissen darf der Spieler etwa selbst entscheiden, ob er zunächst in den Norden oder Süden der Spielwelt aufbricht. Beehive Studios verbindet damit bewusst Nostalgie mit einer ernsteren Prämisse, die tatsächlich neugierig darauf macht, wie es weitergeht.

Auch spielerisch versucht sich “LumenTale“ nicht bloß an einer möglichst originalgetreuen Neuauflage bekannter Monsterfänger-Mechaniken. Statt nur einem klar umrissenen Fernziel hinterherzulaufen, strukturiert das Spiel seine Reise stärker wie ein modernes Rollenspiel über Haupt- und Nebenquests. Dadurch wirkt Talea weniger wie eine Abfolge von Pflichtstationen und mehr wie eine Welt, in der es tatsächlich etwas zu entdecken gibt.

Auch in den Kämpfen zeigt sich dieser Modernisierungsgedanke: Bis zu vier Animons stehen gleichzeitig auf dem Feld und treten gegen maximal vier Gegner an. Fällt eines, kann eines der beiden Reservemonster nachrücken. Dadurch bleiben die rundenbasierten Gefechte zugänglich, gewinnen aber spürbar an Dynamik, Taktik und einem angenehm chaotischen Schlachtfeldgefühl.

Mein persönliches Highlight ist allerdings der schnelle Zielmodus außerhalb klassischer Kämpfe. Statt jedes wilde Animon erst in einen regulären Schlagabtausch zu verwickeln, kann Trey den Holoken, eine leicht abgewandelte Art der Bilia, direkt in der Spielwelt zücken, auf umherlaufende Kreaturen anlegen und sie mit präzisen Treffern schwächen, besiegen oder sogar fangen. Beim Fang startet zusätzlich eine kurze Reaktionssequenz, die die Erfolgschance erhöhen kann. Das fühlt sich ein wenig wie ein entschleunigter Sniper-Modus für Monsterfänger an und ist deutlich spaßiger, als es diese Beschreibung zunächst vermuten lässt. Vor allem reißen kleinere Begegnungen einen dadurch nicht ständig aus der Erkundung heraus. Gerade in Gebieten mit vielen wilden Animons entsteht ein überraschend befriedigender Rhythmus aus Zielen, Reagieren und Weiterziehen. Ausgerechnet dieses eher unscheinbar klingende System verleiht der vertrauten Formel spürbar frischen Schwung.

Auch in den Details setzt “LumenTale“ eigene Akzente: Animons werden nicht nur über klassische Elementartypen, sondern zusätzlich über emotionale Attribute definiert, was die Teamzusammenstellung interessanter macht. Einige Entwicklungen, besonders bei den Startern, hängen davon ab, ob Treys Reise stärker nach Logos oder Mythos führt. Crafting und Kochen wiederum fügen sich dank zahlreicher Rezepte und Baupläne sinnvoll in den Abenteuerfluss ein, statt bloß wie optionale Gimmicks zu wirken.

In der Summe fühlt sich “LumenTale: Memories of Trey“ damit teilweise weniger wie eine bloße Kopie an, sondern eher wie eine dramaturgische und spielerische Fortsetzung jener Monsterfänger-Formel, die viele aus ihrer Kindheit kennen – nur, dass sie von einem ganz anderen Entwickler stammt. Die Frage bleibt, wie viel Bekanntes und wie viel Innovatives der Spieler von “LumenTale: Memories of Trey“ verlangt. Für mich hat es gereicht, um das Spiel zu einer netten Erfahrung zu machen, über der trotzdem der Schatten eines riesigen Pikachus hängt.

Grafisch fährt “LumenTale: Memories of Trey“ eine hübsche 2,5D-Schiene: Knuffige Pixel-Sprites treffen auf farbenfrohe, räumlich inszenierte Kulissen mit weichen Schatten und spürbarer Tiefenwirkung. Das Ergebnis erinnert angenehm an moderne HD-2D-Spiele, bleibt dabei aber verspielter und stärker im klassischen Monsterfänger-Flair verankert. Wirklich atemberaubend ist das Spiel optisch zwar nicht, da der Stil insgesamt eher charmant als spektakulär bleibt. Punkten kann es jedoch mit vielen liebevollen Details: etwa mit Schutt und Asche, die sich beim Durchqueren einer zerstörten Stadt wirkungsvoll vom Straßenbild abheben, schön inszenierten Zwischenboss-Sequenzen und liebevollen Artworks, die unter anderem im Hauptmenü zu sehen sind.

Auch der Sound hinterlässt einen runden Eindruck. Die Musik passt hervorragend zur heiteren, farbenfrohen Optik, schafft eine angenehme Atmosphäre und unterstreicht das Gefühl einer lebendigen Abenteuerwelt. In Kämpfen zieht sie passend an, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Zwar erinnern zentrale Elemente des Soundtracks deutlich an andere Spiele dieses Genres, für die Atmosphäre erfüllt er seinen Zweck aber sehr gut. Stark ist außerdem die Geräuschkulisse: Schritte über Gras, Holz oder andere Untergründe klingen spürbar unterschiedlich und verleihen der Erkundung eine zusätzliche, liebevolle Detailtiefe.

-dh


Genre: RPG / Monster-Collection
Developer: Beehive Studios
Publisher: Team17
UPE: 24,99 EUR
Testmuster: Team17
70%
Sound: 70%

Schwierigkeit: 3
USK: 6
Spielzeit: Ca. 20 Stunden
GUT

Sind wir ehrlich: “LumenTale: Memories of Trey“ wird das Rad nicht neu erfinden. Allerdings streicht es das Rad in einer neuen Farbe und mit einem frischen Muster an, sodass es durchaus erfrischend und modern wirkt. Manche Betrachter, besonders diejenigen, die vom alten Rad schon lange die Schnauze voll haben, könnten vielleicht sogar der Meinung sein, dass es nun schneller und stabiler läuft. Genau darin scheint der Sinn hinter “LumenTale: Memories of Trey“ zu liegen. Es wirkt nicht wie eine seelenlose Kopie, sondern eher wie der Blueprint eines modernen Pokémon-Spiels, das sich die Fangemeinde seit Jahren wünscht. Das rechtfertigt die Ähnlichkeiten ein Stück weit, sorgt aber trotzdem dafür, dass sich die Erfahrung nicht gerade innovativ anfühlt. Trotz vieler guter Ideen bleibt ein spürbarer Eindruck von Genre-Vertrautheit, Wiederholung und einem nicht ganz überragenden Langzeitsog.

“LumenTale: Memories of Trey“ ist also nicht, um es im Slang des heutigen Zeitgeistes auszudrücken, Pokémon auf Wish bestellt. Das wäre zu hart. Sagen wir eher: Beehive Studios hat, ähnlich wie Mewtu im ersten Kinofilm des Franchises, etwas geklont und an einigen Stellen ausgebessert. Spieler, die diese Mischung aus RPG, Monster-Collection, rundenbasierten Kämpfen und Adventure-Elementen mögen, können mit “LumenTale: Memories of Trey“ voll auf ihre Kosten kommen. Wer hingegen eine komplett neue Erfahrung sucht, dürfte vor allem Déjà-vus erleben, was eventuell eher zu Langeweile führt.

-dh

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