Ein Inselurlaub voller eindeutiger Zweideutigkeiten
Island of Hearts
Dating-Sims und FMV (Full-Motion-Video)-Spiele erleben aktuell eine kleine Renaissance. Genau hier möchte “Island of Hearts“ mitmischen. Nach einem seltsamen Auftakt, in dem euer Protagonist seinen Job verliert und es sich kurze Zeit später auch noch bei seiner Freundin verscherzt, wird er von seinen zwei Kumpels mittels eines äußerst dubiosen Rituals auf die besagte Insel “gebracht“. Als ihr wieder zu euch kommt, befindet ihr euch auf einer tropischen Insel voller attraktiver Charaktere, flirtlastiger Dialoge und einer Dauerbeschallung aus sexuellen Anspielungen, bei denen selbst manche Reality-TV-Shows das Nachsehen haben. Dabei setzt das Ganze voll auf reale Influencer, Entscheidungsfreiheit und kleinere Minispiele, die das Geschehen etwas auflockern sollen. Klingt sehr nach Guilty Pleasure – und irgendwie ist es das auch.
Optisch präsentiert sich “Island of Hearts“ dabei überraschend hochwertig. Die tropischen Kulissen, schicken Outfits und die generell saubere Bildqualität sorgen dafür, dass das Spiel durchaus professionell produziert wirkt. Vor allem die Insel selbst erzeugt immer wieder dieses typische Sommer-Feeling, das gut zur lockeren Atmosphäre passt. Gleichzeitig merkt ihr aber auch schnell, dass hier weniger die Umgebung als vielmehr die Charaktere im Mittelpunkt stehen sollen. Und genau da wird es stellenweise etwas schwierig.
Die schauspielerischen Leistungen schwanken nämlich ziemlich stark. Einige Szenen wirken erstaunlich natürlich, andere dagegen unfreiwillig komisch oder gar sehr “cringe“. Wobei ich fairerweise sagen muss, dass hier vermutlich auch kulturelle Unterschiede eine Rolle spielen. Gerade manche Reaktionen, Dialoge oder überzeichnete Flirtszenen wirken für westliche Sehgewohnheiten schnell etwas künstlich, während sie im chinesischen Raum womöglich deutlich normaler oder authentischer wahrgenommen werden. Bei japanischen Dating-Sims würde mir sowas wahrscheinlich gar nicht auffallen. Trotzdem gab es mehrfach Momente, bei denen ich kurz innehalten musste, weil manche Szenen eher wie ein TikTok-Drama als ein echtes Gespräch wirkten. Irgendwo gehört genau das aber auch wieder zum Charme des Spiels dazu.
Spielerisch läuft “Island of Hearts“ eher nach dem typischen Dating-Sim-Prinzip ab. Ihr trefft regelmäßig Entscheidungen in Dialogen, beeinflusst Beziehungen zu einzelnen Charakteren und bestimmt damit den weiteren Verlauf. Leider gibt es hier hin und wieder unschöne Schnitte: Nachdem ihr eine Entscheidung getroffen habt und die Charaktere plötzlich woanders stehen oder eine ganz andere Körperhaltung eingenommen haben, kann einen das aus der Immersion reißen. Außerdem halten sich die Entscheidungsoptionen stark in Grenzen. Meist habt ihr nur die Wahl zwischen flirten oder einen abwertenden Kommentar. Dazwischen lockern kleinere Minispiele das Geschehen auf. Diese reichen von simplen Reaktionsspielchen bis hin zu kleineren Interaktionen. Die zwar spielerisch an das Jamba-Abo aus den frühen 2000ern erinnern, aber immerhin dafür sorgen, dass ihr nicht nur passiv Videos konsumiert. Wirklich tiefgehend wird das Gameplay nie, aber das erwartet hier vermutlich auch niemand ernsthaft. Viel wichtiger ist die Dynamik zwischen den Figuren – und natürlich die Frage, welche Eskalation oder sexuelle Anspielung als Nächstes um die Ecke kommt.
Und davon gibt es reichlich. Wirklich reichlich. “Island of Hearts“ schafft es teilweise keine fünf Minuten ohne irgendeinen zweideutigen Kommentar, ein anzügliches Gespräch oder eine explizite Kameraeinstellung. Diese wollen subtil sein, besitzen aber ungefähr die Eleganz eines Vorschlaghammers. Das kann stellenweise ziemlich unterhaltsam sein, manchmal aber auch den Bogen überspannen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, die Inselbewohner würden vermutlich sogar beim Frühstück erotische Spannungen wittern. Spätestens als ich dann in der Küchen-Szene auf dem Schneidebrett ein paar aufgestellte Gürkchen mit zwei taktisch klug positionierten Kirschtomaten erblickte, war es mit der Subtilität dahin. Trotzdem muss man dem Spiel lassen: Es zieht seinen Stil konsequent durch, ohne zu versuchen, etwas anderes sein zu wollen.
Die Musik bleibt dabei eher im Hintergrund, passt aber gut zum sommerlichen Setting. Entspannte Pop- und Lounge-Vibes begleiten das Geschehen angenehm, ohne sich groß aufzudrängen. Gleiches gilt für die Soundkulisse insgesamt, die ihren Zweck erfüllt, aber keine bleibenden Highlights liefert. Bei der Sprachausgabe habt ihr die Wahl zwischen den chinesischen Originaltonaufnahmen oder einer englischen Synchro. Erwartet aber hier keine High-End-Sprachausgabe, die geht eher in Richtung B-Movie-Standard.
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Developer: Titan Digital Media, 4Divinity
Publisher: 4Divinity
UPE: 14,99 EUR
Testmuster: Mark Allen PR
Schwierigkeit: 3-4
USK: 16
Spielzeit: Ca. 5 - 10 Stunden
Junge, also zu Beginn des Spiels war ich schon leicht überfordert mit irgendwelchen halbstarken Möchtegern-Checkern, die besonders cool wirken wollen oder den adretten Girls, die immer einen flapsigen Spruch auf den Lippen haben. “Island of Hearts“ ist definitiv kein Spiel für jeden. Wer mit FMV-Games, Dating-Sims oder überzeichneten Flirt-Dramen nichts anfangen kann, wird hier vermutlich relativ schnell aussteigen. Wer sich aber auf das Konzept einlässt, bekommt ein anzügliches, manchmal unfreiwillig komisches, aber durchaus unterhaltsames Gesamtpaket. Die Minispiele sind zwar nur Mittel zum Zweck, lockern das Geschehen aber etwas auf. Die Insel erzeugt eine angenehme Atmosphäre, und trotz mancher Fremdschäm-Momente kann man dem durchaus etwas abgewinnen.
Euer Diego aka Deku Man X
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